Fachbeitrag zu Veranstaltungen im Rahmen der Rückgabe menschlicher Gebeine aus Sachsen an die Yawuru und Karajarri von Broome, Westaustralien

Am 15. April 2019 gab der Freistaat Sachsen menschliche Gebeine aus der Kollektion der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Universität Halle an Vertreter*innen der Yawuru und Karajarri aus Broome zurück. Um mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, aus der Geschichte zu lernen und Anteil zu nehmen, organisierte die AG Postkolonial Leipzig im Sommer 2019 eine Veranstaltungsreihe.

Ein Bericht von Isabelle Reimann und Marion Caris

v.l.n.r. irgit Scheps-Bretschneider (Grassi Museum), Isabelle Reimann (AG Postkolonial Leipzig), Franziska Eißner (Galerie KUB), Marion Caris

Immer wieder betonen die australischen Delegierten die Chance von Heilung und Versöhnung, die in der Rückführung ihrer Vorfahren liegt. Daher ist die Art und Weise, ob und wie die Rückführung in Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften durchgeführt wird, von besonderer Bedeutung. Schließlich besteht nach wie vor ein Kontext anhaltender rassistischer Diskriminierung, Ausgrenzung und Enteignung von Aboriginal People in Australien, wodurch die Rückführung und dadurch die Anerkennung von Kolonialisierung und Ausbeutung in ihrem Kampf um Gleichberechtigung sehr bedeutsam sind.

Auch in Deutschland ist Rassismus noch äußerst lebendig und ermöglicht globale und lokale Ausbeutungsverhältnisse. Die Rückführungen von menschlichen Gebeinen, aber auch Kunst- und Kulturgegenständen, sind für die sächsischen Institutionen und die Zivilgesellschaft eine Möglichkeit, Verständnis für die historischen sowie die gegenwärtigen Auswirkungen und Kontinuitäten von Rassenforschung und Kolonisierung zu bekommen. Schließlich bildet das Aufkommen der physischen Anthropologie und Rassenforschung den Hintergrund, in dem viele Gebeine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus gesammelt, zum Teil aber auch dezidiert angefragt und „bestellt“ wurden. Die Übertragung der Vererbungslehre auf Menschen wurde fatal mit der politischen und ideologischen Hierarchisierung von Menschen u.a. aufgrund von Hautfarben und zweifelhaften phänotypischen Merkmalen, die die Funktion hatte, koloniale Gewalt und Unternehmungen zu legitimieren. Die pseudowissenschaftliche Rassenforschung führte zu einer extensiven Objektifizierung und einem Missbrauch der Körper, der als „anders“ Gebrandmarkten. Die Theorie der stufenweisen menschlichen Entwicklung hin zur „überlegenen weißen Rasse“ wurde somit doppelt verhängnisvoll für diejenigen, die am unteren Ende der Stufenleiter festgeschrieben wurden. Nach Schätzungen befinden sich heute noch zwischen 6.000 und 10.000 menschliche Gebeine von australischen Aboriginal People in deutschen Instituten.

Aborigines day of mourning, Sydney, 26 January 1938

Die Aufarbeitung der Geschichte der Rassenforschung des 19. Jahrhunderts ist noch unvollständig und ist wie die Epoche des deutschen Kolonialismus bislang nicht in der bundesdeutschen Erinnerungskultur verankert. Erst mit den Rückgabeforderungen aus Australien und Namibia wurde sich mit den Sammlungen menschlicher Gebeine aus kolonialem Kontext beschäftigt, die, wie beispielsweise in der Charité in Berlin, in extrem schlechten Bedingungen lagerten. Wie kann eine verantwortungsvolle Thematisierung und Anerkennung dieser Geschichte in Sachsen aussehen? Und wie kann den Opfern über die Rückführung ihrer menschlichen Überreste hinaus würdevoll gedacht werden?

Rehumanisierung der menschlichen Gebeine aus Broome

Als Erfolg der Bürgerrechtsbewegung um Anerkennung und Einhaltung indigener Rechte unterstützte die australische Regierung die Repatriierung der menschlichen Gebeine von australischen Aboriginal People. 2009 forderte sie mehrere deutsche Institutionen dazu auf. Erst 2017 kam es zu einer Vereinbarung zwischen australischen und sächsischen Regierungs- und Museumsvertreter*innen, die Provenienzforschung zu den menschlichen Gebeinen zu intensivieren und eine Rückgabe vorzubereiten. Birgit Scheps Bretschneider (Kustodin und Leiterin der Abteilung Wissenschaftliche Sammlungserschließung, Dokumentation und Provenienzforschung der sächsischen Völkerkundemuseen) führte für diesen Teil der anthropologischen Sammlung im Völkerkundemuseum Dresden eine intensive Provenienzforschung in Zusammenarbeit mit den Herkunftsgemeinschaften durch. Wie schon bei der ersten Rückgabe nach Hawaii, von der sie im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe am 04. Juli 2019 berichtete, ging der Repatriierung eine Rehumanisierung der Gebeine voraus. Mit dem Verkauf der Gebeine an das Museum wurden die Verstorbenen zu Gegenständen transformiert und so entmenschlicht. Dieser Prozess wurde nun umgekehrt, indem sie nicht mehr als Objekte betrachtet werden, sondern als verstorbene Menschen. So bildet das Grundgesetz denn auch den gesetzlichen Rahmen, um diese im Herkunftsland zu bestatten. Die Provenienzforschung beschränkte sich auf nicht-invasive Methoden, d.h. es wurde kein Knochengewebe verletzt. Nach der Durchführung der Provenienzforschung konnten Aussagen über Alter, Geschlecht, Verletzungen, Krankheiten und Todesursachen getroffen werden. Es wurden schwere Kopfverletzungen durch Schläge mit harten Gegenständen sowie Schädelverformungen durch den hohen Umgebungsdruck unter Wasser und Ohrentzündungen festgestellt. Auch gab es Zeichen von Mangelernährung. Durch die Zusammenführung der Forschungsergebnisse und die mündlich überlieferten Geschichten der Herkunftsgemeinschaften entstand ein detailliertes Gesamtbild der Geschehnisse. Den Hintergrund bildet die Versklavung von Aboriginal People zur Perlengewinnung.

Im April 2019 reisten 7 Mitglieder der Yawuru und Karajarri nach Deutschland, um die Überreste ihrer Vorfahren in Empfang zu nehmen. Zuerst besuchten sie den Dresdner Zwinger und das japanische Palais, wo die Gebeine jahrelang eingelagert waren. Mit einer Rauchzeremonie wurden diese Orte rituell gereinigt. Danach fand in der australischen Botschaft in Berlin in Anwesenheit der australischen Botschafterin in Deutschland, Lynette Wood, der damaligen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen, Dr. Eva-Maria Stange, der Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann, sowie der Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, Léontine Meijer-van Mensch die offizielle Rückgabe statt. Auch hier wurde eine Rauchzeremonie durchgeführt.

Momentan sind die Gebeine in Perth gelagert, wo der eigens für die Bestattung der Überreste entworfene Gedenkort „Wanggajarli Burugun Memorial & Resting Place“ nahe des japanischen Perlentaucherfriedhofs in Broome bis 2021 fertiggestellt sein wird. Michael Jalaru Torres, dessen Bilder in der letzten Veranstaltung der Reihe gezeigt wurden, betont, dass der Erinnerungsort deshalb so wichtig ist, da in Broome die Geschichte der Perlenindustrie zwar allgegenwärtig ist, aber die Geschichte der Aboriginal People dabei bislang ausgeklammert wurde.

Fotoausstellung „Collect“ – Michael Jalaru Torres

Die Ausstellung wurde erstmals vom 22. bis 31. August 2019 in der Galerie KUB in Leipzig gezeigt.
Die Ausstellung fand außerdem vom 31. Juli bis 28. August 2020 im Weltclub in Dresden statt.

Michael Jalaru Torres ist Fotograf und Designer aus Westaustralien. Er ist Angehöriger der Yawuru und Djugan von Broome mit tribalen Verbindungen zu den Gooniyandi der Fitzroy Valley und dadurch eng mit den Herkunftsgemeinschaften verbunden, die im April 2019 menschliche Gebeine ihrer Vorfahren aus Sachsen zurückbekamen. Der Kontakt zum Künstler kam durch Marion Caris zustande, die Torres in ihrer langen Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte Australiens kennenlernte. Bei der Vernissage am 22. August wurde Michael Jalaru Torres über Skype zugeschaltet. In einem kurzen Interview mit Marion gab er Einblicke in seine Arbeitsweise und seine Auseinandersetzung mit den Themen, die er in seinen Arbeiten untersuchte. Auf seiner Website  sind die Bilder dokumentiert und kurz erklärt.

Ein zentrales Thema in Torres‘ Arbeiten ist die Geschichte der Perlenindustrie seiner Region. In „Collect“ befasst sich der Künstler mit den historischen Ereignissen, die zum Verbleib der Gebeine in Sachsen führten sowie dem Prozess der Rückführung. Torres‘ Fotografien übersetzen die reinen Fakten der Provenienzforschung in aussagekräftige Bilder des Traumas seiner Vorfahren, das von den jüngeren Generationen seiner Gemeinschaft oft erneut durchlebt wird. Die Ausstellung wurde ergänzt mit einem Film über den Rückgabeprozess, der im australischen Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Fazit

Für das fehlende Engagement der verantwortlichen Institutionen an der Vermittlung und damit der Chance der Anerkennung der Verwobenheit hiesiger Institutionen in Kolonialismus und der Verbreitung von Rassismus steht beispielhaft der Umgang mit den Gebeinen von Tobi. Der Junge Tobi gehörte zu einer Gruppe von australischen Aboriginal People, die 1884 öffentlich in sogenannten „Völkerschauen“ in Zoos und wissenschaftlichen Laboren quer durch Europa und den USA ausgestellt wurden und die in der Mehrzahl dabei verstarben. Erst nach der Rückgabe wurde bekannt, dass in einer der Pappschachteln mit Gebeinen die sterblichen Überreste von Tobi waren. Die Universität Halle, in deren Besitz diese viele Jahre lang waren, hat es nicht geschafft, diese Tatsache vorher zu recherchieren und den Organisator*innen der Rückführung bekannt zu machen.

Diese Geschichte ist gut dokumentiert und Tobi hätte bei der Rückgabe nicht namen-, gesichts- und geschichtslos bleiben müssen. So wurde den bekannten Nachfahren nicht ermöglicht, die Gebeine in Deutschland in Empfang zu nehmen und die Informationen aus deutschen Archiven zu erhalten, zu denen sie sonst keinen Zugang haben. Auch der hiesigen Öffentlichkeit wurde die Möglichkeit genommen, Anteil an dieser leidvollen Geschichte zu nehmen und damit die Grundlagen und Mechanismen der Herabwürdigung und Exotisierung zu verstehen, die noch heute bei vielen Menschen die Fantasien über australische Aborigines prägen.

Ungeklärt ist, ob Tobi und seine Gefährten auch in Leipzig waren, wie bei einer der über 40 „Völkerschauen“ im Zoo Leipzig. Eine Thematisierung in Halle steht zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch aus.

Die zweite Rückgabe nach Australien erfolgte im Dezember 2019. Hier fand eine öffentliche Veranstaltung mit der Delegation aus Australien am Vorabend der offiziellen Übergabezeremonie im Grassi Museum Leipzig statt. Die dritte und vorerst letzte Repatriierung von Gebeinen aus den Völkerkundemuseen der Staatlichen Kunstsammlung Dresden ist 2020 geplant. Weitere 58 menschliche Gebeine von Maori und Moriori aus Neuseeland sollen nach abgeschlossener Provenienzforschung an die Communities der Nachfahren zurückgegeben werden. Zwei Delegierte aus Neuseeland wohnten der Repatriierung im Dezember bei. Weitere 2500 Inventarnummern menschlicher Überreste aus kolonialem Kontext liegen allein im Völkerkundemuseum Dresden.

Das Thema wird noch eine Zeit lang relevant bleiben. Ein öffentliches Interesse kann helfen, den Druck aufrechtzuerhalten, weiterhin Repatriierungen unter wesentlichem Einbezug der Herkunftsgesellschaften durchzuführen und damit auch die deutsche Rassenforschung und Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, die weit über die Zeit der deutschen „Schutzgebiete“ hinausweist.

Existentiell ist die Aufarbeitung von Rassismus und der Kolonialgeschichte für die Aboriginal People in Australien. Bei der zweiten Rückgabe sagt Megan Krakouer mit Blick auf die australische Botschafterin, dass die partielle Zusammenarbeit, wie bei den Rückführungen, nicht ausreiche, sondern die Aboriginal People selbst über ihr Leben und ihre Angelegenheiten in Australien mitbestimmen wollen. Yann Le Gall lässt in der zweiten Veranstaltung den Aboriginal Aktivisten Roxley Foley zu Wort kommen: Um in Australien Gehör zu finden - u.a. gegen die Landvertreibungen - braucht es internationale Unterstützung.