Auf Hatespeech vorbereiten

Auf Hatespeech vorbereiten

Was tun bei rechten Angriffen gegen demokratische Engagement? Hate Speech und rechte Kampagnen finden immer mehr im Netz statt. Tipps für den digitalen Raum in Teil 3 der Reihe TolSaxKompakt

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Das Problem – Hassattacken im digitalen Raum

Wer sich in Sachsen für Demokratie und gegen Rassismus einsetzt, kann leicht Ziel von Anfeindungen werden – nicht nur im analogen Raum. Auch in den Sozialen Netzwerken werden Engagierte und ihre Vereine beschimpft oder sogar bedroht. Ganze Gruppen von Menschen werden abgewertet, z.B. durch rassistische, antisemitische, sexistische oder homophobe Beleidigungen, Verallgemeinerungen oder Falschdarstellungen. Von Hasskommentaren bis hin zur Diffamierungskampagne – die Bandbreite digitaler Angriffe ist groß.

Die Folgen für die Betroffenen können dramatisch sein: Sie werden in ihrer Würde verletzt, ausgegrenzt, eingeschüchtert und in ihrem Aktionsraum eingeschränkt. Mitunter leiden sie auch psychisch wie physisch unter dem Hass.

Diffamierungskampagnen gegen Vereine können deren Arbeit massiv belasten. Neben ihren eigentlichen Aufgaben müssen sie dann Falschbehauptungen richtig stellen, sich für ihr Engagement rechtfertigen und verlorengegangene Unterstützer_innen zurück werben.

Hate Speech wird von rechten Akteur_innen auch strategisch eingesetzt, um politische Gegner_innen zu stören und Abwertungen in der Gesellschaft salonfähig zu machen. Und aus politischer Sprache wird Handeln. Mehr Hass führt zu mehr Gewalt.

Aus diesen Gründen ist es wichtig, hasserfüllter Sprache im Netz klar zu widersprechen und sich mit den Betroffenen solidarisch zu zeigen.

In diesem TolSaxKompakt findet Ihr ein paar Tipps, wie man auf Hate Speech reagieren kann – und wie Ihr Euch auf digitale Attacken auf die Social-Media-Seiten Eures Vereins vorbereiten könnt.

Wenn Diskutieren …

Wir treffen in den Sozialen Netzwerken auf viele verschiedene Personen: Manche wollen Erlebnisse berichten, Informationen teilen, ihre Meinungen äußern und mit anderen Menschen ernsthaft streiten. Andere wollen provozieren, abwerten, zu Hass anstacheln oder einfach nur rumtrollen. Ihr entscheidet, mit wem Ihr diskutieren möchtet – und mit wem nicht.

Wenn Diskutieren … noch was bringt

Euer Gegenüber vertritt raumgreifend seine Meinung, äußert sich verallgemeinernd über Gruppen, stellt Behauptungen auf und springt von einem Thema zum nächsten. Ihr habt trotzdem das Gefühl, die Person ist an einer ernsthaften Diskussion interessiert.

Sachlichkeit einfordern

Ihr könnt die Person auffordern: Anstatt zu Verallgemeinern konkrete Beispiele anzuführen, Behauptungen mit Quellen zu belegen und beim eigentlichen Thema der Diskussion zu bleiben.

Nachfragen

Die Sprache in Kommentarspalten ist sehr reduziert – und kann sehr vieldeutig sein. Eine unglückliche Formulierung kann vorkommen. Zumeist hilft es einfach nachzufragen, wie ein Post gemeint war. Abwertend gemeinte Posts sind nicht in Ordnung.

Abwertungen widersprechen

Diskriminiert jemand andere Personen und Gruppen ganz offensichtlich, zum Beispiel durch rassistische, antisemitische, islamfeindliche oder sexistische Posts, könnt Ihr diese Abwertung als solche benennen und klar widersprechen. Die Posts von Anderen, die diese Abwertung kritisieren, könnt Ihr liken – und damit stärken.

Solidarität leisten

Unterstützt Betroffene von hasserfüllter Sprache. Damit zeigt Ihr den Betroffenen, dass sie nicht alleine sind und dass Ihr solche Attacken nicht duldet.

Mitlesende aktivieren

Viele Menschen lesen in Sozialen Netzwerken einfach still mit und äußern sich nicht, obwohl sie vielleicht Hassposts auch unerträglich finden. Eure Kritik von abwertenden Posts zeigt ihnen, dass das nicht der „normale“ Umgangston ist.

„Bin ich denn die Einzige hier, die den Post rassistisch und verletzend findet?“ Ihr könnt Mitlesende auch dazu animieren, Hass und Hetze zu widersprechen und sich mit den Betroffenen solidarisch zu zeigen.

Eigene Werte vertreten

Es gibt viele Werte, für die man in den Sozialen Netzwerken eintreten kann: Die Achtung der Menschenwürde, ein offener und demokratischer Austausch, unterschiedliche Perspektiven auf Gesellschaft, ein respektvolles Miteinander. Lasst uns darüber sprechen, anstatt uns von Hass und Hetze treiben zu lassen.

Wenn Diskutieren … sinnlos ist

Euer Gegenüber äußert eine gefestigte menschenfeindliche Einstellung und ist offensichtlich nicht an Austausch interessiert? Dann müsst Ihr auch nicht weiter diskutieren.

Grenzen ziehen

In solchen Situationen ist es wichtig, klare Grenzen zu ziehen und die Diskussion abzubrechen. Erklärt dabei, warum Ihr das tut – für Euren Gegenüber und besonders für die Mitlesenden. Zum Beispiel weil Ihr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht duldet oder weil der Gegenüber gegen die Netiquette der Seite verstoßen hat.

Dokumentieren

Wenn Euch Hate Speech im Netz begegnen, dokumentiert den Post mit einem Screenshot (ohne Euer eigenes Profilbild), der URL des Posts (https://www…), dem Namen des Profils und Datum/Uhrzeit des Abrufs. Insbesondere wenn es sich um einen strafrechtlich relevanten Post handelt. Das ermöglicht später Beschwerden oder Anzeigen.

Hate Speech melden

Verstoßen Posts gegen die Gemeinschaftsstandards der Social-Media-Plattformen, könnt Ihr sie dort melden.

Strafrechtlich relevante Posts anzeigen

Volksverhetzung, Holocaustleugnung oder die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen sind strafrechtlich relevant und können bei Onlinewachen der Polizei angezeigt werden. Das könnt Ihr auch tun, wenn Ihr persönlich von Beleidigungen, Verleumdungen oder übler Nachrede betroffen seid. Ihr könnt auch eine Beschwerde bei Online-Meldestellen einreichen (siehe „Weiterklicken“), die den Post juristisch prüfen und im Bedarfsfall an die Polizei weiterleiten.

→ Mehr Infos zu juristischen Fragen im TolSaxKompakt Nr. 2.

Im Shitstorm Ruhe bewahren

Wenn sich einzelne Hassposts zu einem Shitstorm entwickeln, achtet auf Eure Ressourcen. Anstatt alle Vorwürfe einzeln zu beantworten, könnt Ihr ein generelles Statement verfassen und darauf verweisen. Bei manchen Social-Media-Plattformen kann eine Blacklist mit Hassbegriffen Posts und Kommentare mit diesen Worten rausfiltern. Extreme Hater könnt Ihr blockieren. Und im schlimmsten Fall gibt es den Aus-Schalter: Die Seite oder den Account zeitweise auf „privat“ oder „nicht öffentlich“ stellen. Denn auch der heftigste Sturm legt sich irgendwann.

Macht Euch einen Plan!

Auch Euren Verein kann unerwartet eine Hassattacke treffen. Da kann es beruhigend sein zu wissen: Wir sind gut vorbereitet! Fünf Tipps zur Vorbereitung auf Hasskampagnen gegen Vereine:

1. Klärt Zuständigkeiten und Support!

Wer ist in Eurem Verein für die Social-Media-Accounts verantwortlich? Mit wem kann sich die Person im Ernstfall besprechen und abstimmen? Klärt Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen in ruhigen Zeiten. Dann können die Personen im Ernstfall schnell reagieren und sich anschließend über ihre Erfahrungen austauschen. Denn wer viel Hass erfährt, hat Support dringend nötig.

2. Überlegt Euch eine Strategie!

Erarbeitet Euch im Verein gemeinsame Grundsätze für den Umgang mit Hate Speech und digitalen Attacken. Für welche Werte steht Ihr, was wollt Ihr zulassen – was duldet Ihr nicht? Darauf aufbauend können die Social-Media-Verantwortlichen Gegenstrategien zu Hassposts und mögliche Antworten entwickeln. Dabei hilft Euch Euer eigenes Selbstverständnis – und der Flyer für Seitenmoderator_innen der Reihe „Was tun gegen Hate Speech“ der Amadeu Antonio Stiftung.

3. Stellt klare Regeln auf!

Formuliert klare Regeln für die Netzgemeinschaft, wie Ihr Euch die Diskussion in Euren Kommentarspalten wünscht und macht sie in einer Netiquette öffentlich. Im Fall eines Hassposts könnt Ihr dann darauf verweisen. So wird für alle nachvollziehbar, warum Ihr bestimmte Kommentare löscht oder User sperrt. Alle an inhaltlichem Austausch Interessierten werden es Euch danken – und sich an die Regeln halten.

4. Übt argumentieren!

Quellen einfordern, Gegenfragen, Empathie wecken, Abwertung widersprechen oder die Diskussion nach eine klaren Positionierung beenden – es gibt viele Werkzeuge für die unterschiedlichen Gesprächssituationen. Um im Ernstfall sicher aufzutreten, könnt Ihr das Argumentieren vorher üben. Im Netz finden sich dafür zahllose Argumentationstrainings und -leitfäden – ein paar Hinweise haben wir für Euch unter „Weiterklicken“ zusammengestellt.

5. Bereitet Solidarität vor!

Eine Hasskampagne stoppt man nicht alleine. Baut Euch in ruhigen Zeiten ein Netzwerk aus Freund_innen und Followern Eures Vereins auf, die Euch im Ernstfall unterstützen können. Bildet (regionale) Gruppe oder „digitale Stammtische“ und verbündet Euch mit schon bestehenden Netzwerken wie dem Toleranten Sachsen. Mit Gegenrede oder Lovestorms sind wir gemeinsam stark gegen Hater.

Weiterklicken

Amadeu Antonio Stiftung (2018): Was tun gegen Hate Speech? Neun Flyer zum Umgang mit Hate Speech im digitalen Raum und der analogen Welt.

No Hate Speech Movement: Helpdesk, Hintergrundwissen und Kontermemes.

Das Nettz. Vernetzungsstelle gegen Hate Speech: Projektepool, News und Analysen.

Meldestellen von potenziell strafrechtlich relevanten Posts

https://www.internet-beschwerdestelle.de

https://www.hass-im-netz.info

https://demokratiezentrum-bw.de/demokratiezentrum/vorfall-melden/#respect

Soli-Netzwerke

https://love-storm.de/

https://www.ichbinhier.eu/

Argumentationstrainings

https://gegen-argument.de

http://greencampus.boell.de/de/gegenrede-und-argumentationstraining

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/qualifikation-civic-net

TolSaxKompakt

Das Netzwerk Tolerantes Sachsen und seine Mitglieder setzen sich auf vielfältige Weise für demokratische Werte und gegen Rassismus sowie andere Formen von Diskriminierung in Sachsen ein. Diese Arbeit ist rechten Akteur_innen ein Dorn im Auge und wird von diesen zunehmend als „antidemokratisch“ und „intolerant“ verunglimpft. Tatsächlich hat unsere Toleranz dort ihre Grenzen, wo gegen demokratische Prinzipien wie die unveräußerlichen Menschenrechte verstoßen wird und menschenverachtende, völkisch-nationalistische Ziele verfolgt werden.

Die gezielten Angriffe auf demokratische Initiativen und Institutionen sind Teil eines Kulturkampfes von rechts. Die Grenzen des Sagbaren sollen verschoben und die Stimmen derjenigen, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, zum Verstummen gebracht werden. Mit der Reihe TolSaxKompakt liefert das Netzwerk Tolerantes Sachsen in knapper Form Hintergrundwissen und Handlungsempfehlungen zum Umgang mit solchen Anfeindungen und Angriffen.

Herausgeber_in

Förderverein Tolerantes Sachsen e.V.

Redaktionsschluss: Juni 2019

Ansprechpartner

Frank Schubert
Mitglieder und Veranstaltungen
Telefon: 03425 82 999 59
Mobil: 0177 466 06 51
E-Mail: buero @ tolerantes-sachsen.de

Gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung

sowie den Solidaritätsfonds der Hans-Böckler-Stiftung

In Kooperation mit Weiterdenken - Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen

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