Patzelts Pegida oder Bachmanns Pegida? - Zur Beurteilung einer Schmähgemeinschaft

Patzelts Pegida oder Bachmanns Pegida? - Zur Beurteilung einer Schmähgemeinschaft

„In der Debatte hat die pluralistische Gesellschaft ihre eigenen Prinzipien ein Stück weit verraten.“ Das war die starke Schlussthese von Werner Patzelt auf einer Veranstaltung im „Kleinen Haus“ des Staatsschauspiels Dresden? (15. März), bei der drei Dresdner Wissenschaftler der Philosophischen Fakultät der TU Dresden – neben dem Politikwissenschaftler Patzelt der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg und der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach – ihre empirischen Befunde und die darauf fußenden Schlussfolgerungen präsentierten. Die differenzierten, wohl fundierten und formulierten Überlegungen der drei Kollegen wurden, wie gewöhnlich, medial sehr selektiv rezipiert. Gerade die von der Presse (Sächsische Zeitung v. 16. März, http://www.sz-online.de/nachrichten/pegida-treibt-schweissperlen-auf-dresdner-denkerstirnen-3059495.html) aufgegriffenen Äußerungen aber fordern zu entschiedenem Widerspruch heraus. Neben der Kritik von Patzelt an der „vorschnellen Verteufelung“ von Pegida, die im Eingangszitat gipfelte, muss hier auch die Einschätzung von Wolfgang Donsbach genannt werden zum Leitmotiv der „Lügenpresse“-Rufe, die die Demonstrationen bis heute begleiten. Zwar attestierte er den Akteuren durchaus eine verzerrte Wahrnehmung der Medienberichterstattung, hält ihre Kritik aber nicht für völlig unbegründet: „Der größte Teil des Dresdner Image-Schadens“, so zitiert ihn die Sächsische Zeitung, „ist nicht durch die Pegida-Demonstrationen entstanden, sondern durch die Art der Berichterstattung“. Diese beiden Äußerungen erscheinen mir ebenso problematisch wie symptomatisch für den Stand der Debatte, wie ich im Folgenden begründen möchte. Dass ich dafür keine im engeren Sinn fachwissenschaftliche Expertise beanspruchen will, sei der Redlichkeit halber vorweggeschickt.

Eine Rückblende: Als Pegida im Spätherbst auf dem Radar der politischen Öffentlichkeit auftauchte, war die Ablehnung als rechtsradikal, zumindest rechtspopulistisch, und ausländerfeindlich zunächst ziemlich einmütig, mal polemisch als „komische Mischpoke“ (Cem Özdemir), mal zurückgenommener, aber ebenso entschieden, als „Hetze und Verleumdung“, für die kein Platz in Deutschland sei (Angela Merkel). Die Politik und ebenso die kritische Berichterstattung der Medien reagierte damit insbesondere auf die Parolen, die die Dresdner Montagsdemonstrationen bis heute begleiten, von der „Lügenpresse“ über die Politiker als „Volksverräter“ bis hin zu den ausländerfeindlichen Slogans wie „Überfremdung“ und „Asylbetrüger“, ganz zu schweigen von den persönlichen Verunglimpfungen von Politiker(innen) bis hin zur Bundeskanzlerin oder von Drohungen aus den Reihen der Demonstranten gegenüber kritischen Journalisten (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/pegida-demonstranten-machen-front-gegen-etablierte-medien-13345656.html). Die inkriminierten Facebook-Äußerungen von Lutz Bachmann über das „Viehzeug“ und „Gelumpe“ sind mithin keine isolierten Entgleisungen.

Unsicherheiten in der Bewertung

Je mehr Menschen in Dresden zu den Pegida-Demonstrationen kamen, desto mehr wuchsen dann aber das Unbehagen und der Erklärungsbedarf. Konnte es wirklich sein, dass Zehn- oder Zwanzigtausend Menschen rechtsradikalen Parolen hinterherliefen? Oder mochten sich nicht legitime Einstellungen und Bedürfnisse hinter der großen Mobilisierung verbergen? Es begann die Zeit der montäglichen Beobachtungen und Befragungen. Die öffentliche Präsentation der ersten empirischen Ergebnisse schienen tatsächlich viele der vermeintlichen Gewissheiten in Frage zu stellen. Nicht depravierte Verlierer vom Rande der Gesellschaft wurden als ein Kern der Bewegung ausgemacht, sondern sozial abgesicherte Berufstätige mittleren Alters und mittleren sozialen Status. Diese trotz aller methodischen Probleme im Kern durchaus plausiblen Beobachtungen führten nun allerdings zu einer fragwürdigen Wende in der politischen Bewertung. Mehr und mehr wurde Verständnis laut für die Ängste und Nöte der Menschen, für ihre „Anliegen“, die „ernst genommen“ werden müssten und nicht „in die rechte Ecke gestellt werden“ dürften. Politische Bildung und Politiker suchten das Gespräch mit den Pegida-Anhängern. Dieses Bild als legitime soziale Bewegung hat bis heute in Teilen der Öffentlichkeit Bestand und steht auch hinter den beiden zitierten Einschätzungen der Kollegen Donsbach und Patzelt: Zu trennen sei zwischen den unappetitlichen Gründerfiguren a la Lutz Bachmann, von denen man sich natürlich distanzieren müsse, und der breiten Masse der Pegida als Ausdruck der berechtigten Sorgen „normaler“ Bürger. Wie immer als begnadeter Zuspitzer auftretend formulierte Werner Patzelt bei der Diskussion im „Kleinen Haus“, die Figuren an der Spitze wie Bachmann seien ebenso austauschbar wie die Parolen – entscheidend ist nach dieser Interpretation das, was sich unter dieser Oberfläche verbirgt.

Empirische Beobachtungen und Befragungen zum Pegida-Phänomen sind natürlich prinzipiell, das sei ausdrücklich festgestellt, ebenso wenig verwerflich wie Gespräche mit Pegida-Mitläufern. Entscheidend ist, welche Schlüsse aus den empirischen Daten gezogen werden, und wie die Gespräche geführt werden. So ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, etwa von Gesine Schwan in der Fernsehrunde bei Günther Jauch (http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-ard-talk-zu-pegida-mit-gesine-schwan-und-bernd-lucke-a-1008448.html), dass der Befund einer sozialen Mitte keineswegs gleichsam automatisch mit politischem Radikalismus unverträglich ist, dass etwa der Nationalsozialismus auf einer Art Radikalismus der Mitte basiert. Aber das soll hier nicht weiter vertieft werden. Vielmehr möchte ich den Blick wieder zurück auf die vermeintliche „Oberfläche“ lenken. Denn die Pegida-Debatte ist auch und sehr wesentlich eine Diskussion über die Grenzen des Sagbaren im öffentlichen Raum. Einerseits erscheint es als Binsenweisheit, dass eine Demokratie von der öffentlichen Auseinandersetzung darüber lebt, was dem Gemeinwesen nützt. Um überhaupt politische Kontroversen austragen zu können, müssen gegensätzliche Meinungen und Einschätzungen im öffentlichen Raum artikuliert werden dürfen, auch und gerade Minderheitsmeinungen. Wenn bestimmte Meinungen und Positionen dort keinen Raum finden und in eine vorpolitische Sphäre gebannt bleiben, kann ein gefährliches Vakuum entstehen, eine Diskrepanz zwischen politischem System und Lebenswelt, die ein Legitimitätsdefizit des Systems begründen kann. Konkret: Debatten über die Grenzen der Zuwanderung und über die Ausgestaltung des Asylrechts sind nicht per se illegitim, und sie werden ja auch immer wieder geführt, und das durchaus auch polemisch. Also keine Tabus? Doch! Die Ausgrenzung - wenn man so will: Tabuisierung! - bestimmter Formen von persönlicher Herabwürdigung, von Rassismus und Antihumanismus gehört genuin zur politischen Kultur einer lebendigen Demokratie; dabei sind die Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem Tabuisierten ihrerseits natürlich wieder Gegenstand von Kontroversen und müssen immer wieder neu ausgehandelt werden. Jahrzehntelang lebte z. B. die westliche bundesrepublikanische Gesellschaft in der Nachfolge des Nationalsozialismus mit braunen Untertönen. Mehr und mehr wurden diese aber marginalisiert, in den vorpolitischen Raum (an die vielbeschworenen „Stammtische“) abgedrängt und in der öffentlichen Debatte delegitimiert; dabei verweisen die zwischenzeitlichen Wahlerfolge von NPD und anderen rechtsextremen Gruppierungen auf die Fortdauer entsprechender Einstellungen. Letztlich gehört die erfolgreiche Tabuisierung braunen Gedankengutes zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, indem die Grenzen des Sagbaren eben auch die Grenzen des Machbaren und Möglichen bestimmten; ohne diese Tabuisierung dürfte die begrenzte Mobilierungsfähigkeit über eine kleine rechtsradikale Szene hinaus kaum zu erklären sein.

Wenn Sprache als Waffe gegen Minderheiten gerichtet wird

Nicht alles darf folglich gesagt werden. Dabei liegt die Grenze dort, wo die Sprache und ihre Bilder gewalttätig und als Waffe gegen Minderheiten gerichtet werden. Angst vor der Massierung zu vieler männlicher Asylbewerber in der Nähe der eigenen Wohnung zu formulieren, wie es während der genannten Diskussion geschah, mag vielen, die die Pflicht zur Humanität und zur Gastfreundschaft betonen, übertrieben oder verzerrend erscheinen, darf aber nicht tabuisiert werden, selbst dann nicht, wenn sich dahinter Stereotype über „die“ Ausländer, oder jedenfalls „die“ Muslime, die uns problematisch und grenzwertig erscheinen mögen, verbergen. Diese Stereotype müssen vielmehr diskursiviert, diskutiert und öffentlich in Frage gestellt werden. Wenn aber diese Zuschreibungen dann in rassistischer Weise mit herabwürdigenden Etiketten verbunden werden („Gelumpe“, „Fotze“ etc.), dann ist die Grenze des öffentlich Tolerierbaren überschritten und entschiedener Widerstand gefordert.

Pegida ist nun aber, von ihren montäglichen Erscheinungsformen her, keine bloße Bewegung besorgter Bürger, sondern eine Schmähgemeinschaft, eine sich immer wieder neu zusammenfindende Gruppe, für die herabwürdigende Parolen und Beleidigungen konstitutiv sind. Die ebenso scharfen wie diffusen Parolen geben gewissermaßen dieser Aktionsgemeinschaft erst ihre eigentliche Gestalt. Sie bilden den emotionalen Kitt, der Zusammenhalt stiftet, ebenso wie durch sie die Feindbilder beschworen werden (Presse, Politiker und Ausländer), gegen die es sich abzugrenzen gilt. Der scheinbar unschuldige Ruf „Wir sind das Volk“, von der Bürgerbewegung 1989 entwendet, markiert zugleich den Anspruch, dass die eigene Haltung die eigentliche Einstellung der „schweigenden Mehrheit“ repräsentiere und gleichsam die Mitte der Gesellschaft markiere. Dabei spielt Pegida insofern virtuos auf der Klaviatur der Mediengesellschaft, als sie dieser virtuellen Öffentlichkeit immer wieder harmlose Elemente präsentiert, die die Friedlichkeit und Toleranz der Bewegung erweisen sollen: das in der montäglichen Präsenzkultur keine Rolle spielende 19 Punkte Programm gehören ebenso in diesen Zusammenhang wie das Absingen von Weihnachtsliedern.

Das Deprimierende an der gegenwärtigen Lage ist nun, dass Pegida mit dieser Strategie erhebliche diskursive Geländegewinne erzielt hat. Man spricht nicht nur mit Angehörigen der Bewegung, sondern geht ideologisch erheblich auf sie zu. Unrühmlicher Höhepunkt in diesem Zusammenhang war die Feststellung des Ministerpräsidenten, der Islam gehöre nicht zu Sachsen (http://www.welt.de/politik/deutschland/article136740584/Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Sachsen.html). Alle inhaltlichen Differenzierungen („Muslime sind in Deutschland willkommen“) führen nicht an der Tatsache vorbei, dass damit in einem symbolisch hoch aufgeladenen Feld normativer Aussagen ein Kontrapunkt gegen Wulff und Merkel gesetzt werden soll. Damit verschieben sich die Grenzen des normativ Wünschbaren. Natürlich zielte diese Aussage auf die symbolische Integration all jener „gemäßigten“ Pegida-Anhänger, die sich damit bestätigt fühlen dürften – Schmähungen zahlen sich aus! Und gleichzeitig wurde mit dieser Aussage die Ausgrenzung der in Sachsen lebenden Muslime in Kauf genommen, ebenso die Brüskierung aller Dresdner und Sachsen, die sich gerade im Gefolge der Pegida-Debatten für Weltoffenheit und Toleranz eingesetzt haben. Dass die Verschiebung der Diskursgrenzen ganz handfeste reale Auswirkungen hat, dass es nicht nur um bloße Symbole geht, lässt sich an der steigenden Zahl der Übergriffe auf Ausländer in den letzten Monaten ablesen, wobei die Änderung des alltäglichen Klimas, von der viele Bekannte berichten, dadurch noch nicht einmal abgebildet wird (http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-01/fluechtlinge-rassismus-angriffe-sachsen).

Affirmative „Übersetzung“ überschreitet das „Verstehen“

Wissenschaftliche Ergebnisse und Interpretationen sollten nun nicht dazu dienen, diese Tendenzen mit einer szientistischen Aura zu versehen. Wer die öffentliche Performanz, die skandalösen Parolen ebenso wie die Personen der Führungsfiguren, zu einem bloßen Oberflächenphänomen erklärt, hinter dem die eigentlich ernst zu nehmende bürgerliche Mitte lauert, der droht ungewollte Steigbügeldienste für Pegida zu leisten. Werner Patzelt wird häufiger, und in abwertender Weise, als „Pegida-Versteher“ tituliert. Er hat sich dieses Epitheton in der genannten Diskussion emphatisch anverwandelt mit der Erklärung, „Verstehen“ sei schließlich die selbstverständliche Aufgabe des Wissenschaftlers. Im Umkehrschluss verweigerten sich alle Wissenschaftler, die Pegida nicht verstehen wollten, der Wirklichkeit. Das ist schlechterdings nicht bestreitbar. Tatsächlich aber hat das Etikett des „Pegida-Verstehers“ natürlich einen anderen Subtext, weil hier „verstehen“ mit „Verständnis haben“, ergo mit „Affirmation“ gleich gesetzt wird. Die problematische Seite von Patzelts Interpretationen ist nicht das „Verstehen“, sondern das „Übersetzen“ von Pegida. Im Prozess der Übersetzung transformiert sich Pegidavon einer Erscheinung mit massiven rassistischen und undemokratischen Grundtönen hin zu einer scheinbar demokratischen Bewegung besorgter Bürger. Eine solch dramatische Akzentverschiebung überschreitet die Grenze des bloßen „Verstehens“ deutlich. Insofern besteht m. E. für die Medien weniger Anlass zur Selbstkritik als es Donsbachs Einschätzung nahelegt. Vielmehr gilt es, Pegida in seiner Erscheinungsform als Schmähgemeinschaft mit rassistischen und undemokratischen Grundtönen ernst zu nehmen. Das schließt Gespräche und Integrationsversuche von Anhängern prinzipiell nicht aus. Aber wie es Karl-Siegbert Rehberg in der Dresdner Diskussion sinngemäß formulierte, ist jeder, der den aus allen Rohren schmähenden Rednern und Parolenschreiern der Pegida hinterherläuft, für diese verbalen Verletzungen mit verantwortlich. Das muss klar benannt werden, und ebenso klar muss öffentlich gegen die Bestrebungen der Pegida Stellung bezogen werden, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. „Man wird doch wohl noch sagen dürfen….“ Nein, eben nicht! Dies deutlich zu sagen, bedeutet keineswegs „Verrat“ (ohnehin eine mit Blick auf die „Volksverräter“-Rufe verfehlte Semantik!) an den Werten der pluralistischen Gesellschaft, sondern deren Verteidigung.

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7 Kommentare

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Hans Christoph ...

Das Wort Schmähgemeinschaft erinnert stark an die Frühe Neuzeit.
Die Abgrenzung des rechtsextremen Gedankenguts vom legitimen pluralistischen Diskurs ist sehr trennscharf.

Peter

"„Man wird doch wohl noch sagen dürfen….“ Nein, eben nicht!"

Das ist der Kern. Wenn das mal verstanden wird - auch Montag Abend, sind wir ein gutes Stück weiter!

torsten

Vielen Dank für diesen, zum Weiterdenken anregenden, Beitrag.

Spontan brachte mich dieser auf den Gedanken, dass "Man wird doch wohl noch sagen dürfen" - sowohl im Kontext der Informations- und Kommunikationsgesellschaft ( "Information wants to be free" ) als auch in Diskussionen über die Grenzen der Meinungsfreiheit, der Wissenschaft und der Satire eine aktuell sehr wirkmächtige Parole zu sein scheint.

Hier könnte man schauen, welche Leistungen ein "Nein, eben nicht!" dort haben könnte / hat und, wie sich diese für den Kontext der öffentlichen politischen Auseinandersetzung nutzbar machen lassen.

ein anderer Stefan

Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich bin auch der Meinung, dass die verbale Radikalisierung den Nährboden für tatsächliche oder angedrohte Gewalt bildet, egal ob der Brandanschlag in Tröglitz oder die Morddrohung gegen die Kirchenmitarbeiter der Kreuzkirche. Beides zeugt von einer rohen Verachtung den Menschen gegenüber, die als "anders" eingestuft werden, egal ob nun anderer Hautfarbe oder "nur" anderer Meinung. Die Kampfbegriffe und Parolen werden im Ton schärfer, die Haltung aggressiver. Bei einer der letzten Gegenveranstaltungen auf dem Postplatz unter dem Motto "Angsthasen" wurden dann auch schon Gegenstände aus den Reihen der Pegida in die Gegenveranstaltung geworfen - psychische und physische Gewalt bricht sich langsam, aber sicher Bahn. Ich denke, dass viele Anhänger als Mitläufer einzustufen sind, die ausblenden, dass hier eine Radikalisierung stattfindet, und weiter mitmachen, ohne darüber ernsthaft nachzudenken.

Auf eine Frage finde ich jedoch keine Antworten: Warum klappt das (nur) in Dresden so gut und über einen so langen Zeitraum, wohingegen die Ableger im übrigen Deutschland nicht funktionieren und durch starke Gegenbewegungen faktisch in der Bedeutungslosigkeit verschwinden? Darauf wird es sicher keine einfache Antwort geben, aber im Moment finde ich gar keine.

Jo

Diese Dialogbemühungen mit Pegida und deren Inhalten kann ich absolut nicht nachvollziehen. Hier wird eindeutig am eigentlichen Problem vorbeiproblematisiert. Die offene Fremd(en)Feindlichkeit ist lediglich ein Symptom. Ursachen sind meiner Ansicht nach echte oder eingebildete Perpektivlosigkeit, meist selbst verschuldet. Im Westen, wie im Osten wird es immer einige weniger intellektuell trainierte Menschen geben, die zwar ihren Alltag meistern, zum Teil auch mehr als nur einfache Arbeiter sind, aber letztendlich doch keine Kontrolle über ihre Lebensperspektive haben. Im Osten kommen jetzt noch die Wendeverlierer hinzu, die es unterlassen haben - oder schlicht zu unfähig waren - sich dem pluralistischen System anzupassen. Vor 89 gab es eine Nachrichtequelle, eine Partei, ein Auto, eine Sorte Milch, usw. Nach 89 hatte man das Recht zwischen all diesen Dingen zu wählen - und vergaß dabei, wenn man die Situation nicht ausreichend reflektierte, die damit einhergehenden Pflichten. Nachrichten können aus mehreren Quellen und unterschiedlichen Sichtweisen kommen, der Empfänger steht hier in der Pflicht den Inhalt und den Kontext zu reflektieren. Wer blind vertraut, wird enttäuscht. Es gibt viele Parteien, eine permanente aktive (Medien)kompetente Auseinandersetzung mit der politischen Landschaft ist zwingend notwendig und ggf. direkte politische Einflußnahme auszuüben (z.B. Anfragen in Sprechstunden). Wer nur alle paar Jahre irgendwo ein Kreuz setzt und sich die Tage davor von irgendwelchen Populistischen Parolen einfangen lässt, wird enttäuscht bzw. komplett abgehängt und weiß irgendwann nicht mehr wohin mit seinem Frust. Wäre aktuell der Islam nicht präsent, wären Katholiken, Juden, Mercedesfahrer, BMWfahrer, Rothaarige, Kinderlose, Mieter, Eigenheimbesitzer, zu viel/ zu wenig Sonne usw. um als Sündenböcke herhalten zu müssen. Es wird diese in ihrer Passivität erstarrten Blinden, die in unregelmäßigen Abständen explodieren müssen um ihren Frust abzubauen, immer geben. Genau wie die Einäugigen, die das gnaze noch für ihre ganz eigenen Ziele anheizen und ausnutzen. Sich hier an den Symptomen abzuarbeiten, kann niemals zum Ziel führen. Meiner Meinung nach ist hier das Elternhaus determinierend. Helfen könnte z.B. eine verbesserte schulische Bildung, welche den Einfluss der Eltern kompensiert bzw. ersetzt um solche Abhängigkeiten zu durchbrechen.

Nebbich

Mit dem Verbieten des "das wird man ja wohl noch sagen dürfen" ist es sicher nicht getan.
Denn die PEGIDArier haben sich ja das nicht selbst ausgedacht oder in den obskuren Ecken des Netzes entdeckt – rechte Lautsprecher der Regierungsparteien wie Stoiber, Seehofer oder Sarrazin haben doch über Jahre (oder Jahrzehnte?) mit ihrem "das Boot ist voll und schafft sich ab..." usw. diese Saat gelegt.
Und was man PEGIDA verbietet, das sollte man ebenso konsequent der BILD verbieten – oder weil wir ja hier auf der grünen Seite sind:
wer im "Rechten Sektor" in der Ukraine nichts homophobes oder fremdemfeindliches entdecken kann, der soll zu PEGIDA lieber schweigen.

Und an Jo:
"Im Osten kommen jetzt noch die Wendeverlierer hinzu, die es unterlassen haben - oder schlicht zu unfähig waren - sich dem pluralistischen System anzupassen. Vor 89 gab es eine Nachrichtequelle, eine Partei, ein Auto, eine Sorte Milch, usw. Nach 89 hatte man das Recht zwischen all diesen Dingen zu wählen - und vergaß dabei, wenn man die Situation nicht ausreichend reflektierte, die damit einhergehenden Pflichten."

Da sollte vielleicht mal ganz schnell in der Schublade mit den Ossivorurteilen aufgeräumt werden; "Wendeverlierer" sehen sicher anders aus, als das, was da in Sachsen auf die Straße geht – und Faschisten waren in der DDR ganz einfach verboten.
Das geht nämlich, wenn man es wirklich will...

Gerd Schwerhoff

Nachtrag zu meinen obigen Überlegungen

Vor einigen Tagen hat Werner Patzelt auf seinem Blog eine Antwort gepostet, vgl. http://wjpatzelt.de/?p=329.
Meinerseits habe ich dort eine Replik in Form eines "Kommentars" hinterlassen, eher eine Art offener Brief, den ich auch hier anfügen möchte. GS

Lieber Herr Patzelt,

vielen Dank, dass Sie sich mit meinem Text so ausführlich auseinander gesetzt haben, obwohl der Kollege für die „Ältere Neuzeit“ ja offenkundig fachlich nicht ganz satisfaktionsfähig erscheint. Das und die Tatsache, dass Sie verschiedentlich (und sicher zutreffend) Zustimmung signalisieren und Gemeinsamkeiten zwischen uns konstatieren, versöhnt mich völlig mit den ein wenig schulmeisterlich anmutenden Hinweisen auf Vorlesungsfolien, Einführungsliteratur und dergleichen oder mit der Abqualifizierung meiner „Glaubenssätze“ und „Attitüden“ (im Gegensatz natürlich zu Ihren empirischen Studien). Allerdings hat die Akribie, mit der Sie fast jeden meiner Sätze auseinandernehmen und einer subtilen Deutung unterziehen, auch ihren Preis: Sie erhöht die Unübersichtlichkeit der Debatte so weit, dass die zentralen Argumente, Konfliktlinien und insbesondere die Widersprüche Ihrer Position unsichtbar werden. Ich kann und will die Auseinandersetzung hier nicht in gleicher Ausführlichkeit weiterführen. Unsere beiden Positionen stehen nebeneinander und jeder mag sich selbst ein Bild machen. Weil aber die Schlusspassage Ihrer Erwiderung dann doch insinuiert, mein Text könnte jenseits legitimer Agonalität und Polemik (der wir sicher beide nicht abhold sind) „Unterstellungen und Verleumdungen“ enthalten oder jedenfalls solchen Vorschub leisten, und weil Sie mir indirekt nahelegen, ich möge „die Sache im Nachhinein richtigstellen“, so will ich mich um eine kurze Replik nicht drücken.

Im Grunde geht es bei unserer Kontroverse um das Verhältnis zwischen dem öffentlichen, medialen und kollektiven Erscheinungsbild von Pegida einerseits und den „dahinter“ liegenden sozialen Verortungen und Einstellungen der Anhänger von Pegida andererseits. Ich rede von den Effekten von Pegida auf unsere politische Kultur, Sie von den Einstellungen der Einzelnen, die den Besuch der Demonstrationen motivieren und die Sie als Problemanzeigen für Veränderungsbedarf in der Politik nehmen. Beides sind, um das Selbstverständliche zu wiederholen, prinzipiell legitime Analyseperspektiven, wobei die jeweiligen Argumente aber nicht völlig vermischt werden sollten.

In Teilen Ihrer Erwiderung setzen Sie sich nun durchaus mit meiner Sichtweise, Stichwort Schmähgemeinschaft, auseinander. Ihre Einschätzung, bei Pegida handele es sich nicht um eine soziale Bewegung im Sinne eines kollektiven Akteurs mit identifizierbarer Handlungsstrategie und Veränderungsintentionen, sondern um eine „periodische Demonstration“, deren eher ungelenken Anführern man nicht zu viel Strategie unterschieben dürfe, finde ich interessant. Zwar habe ich meine Zweifel, ob eine solche scharfe Unterscheidung analytisch trägt, schließlich stehen häufig am Beginn von Bewegungen chaotisch-amorphe Protesthandlungen, aber sei’s drum. Gerade wenn ich mir dieses Argument nun einmal versuchsweise zu eigen mache, erscheint mir die „Schmähgemeinschaft“ Pegida noch eindrücklicher. Das „disparate Demonstrations- und Empörungsverlangen“, von dem Sie sprechen, findet ja gerade in der gemeinschaftlichen Schmähung seine Erfüllung und sein Erfolgserlebnis. Das stiftet, wie Sie sehr richtig schreiben, ein Gefühl gemeinsamer Macht. Aber nicht nur für den Zusammenhalt der Demonstranten („Kitt“) sind die Schmähparolen wichtig, sie ersetzen gewissermaßen die gemeinsame Programmatik, und das mit beachtlichem bzw. besser: mit beängstigendem Erfolg.

Unvermittelt rutschen Sie dann aber mehrmals von der Ebene der öffentlichen Erscheinung auf diejenige der Einzelmotivation. Woher ich weiß, dass die Pegidianer „nichts als eine Schmähgemeinschaft bilden“, ob ich mit ihnen gesprochen habe, um herauszufinden, was sie wirklich bewegt? Ob man nicht untersuchen müsse, „welche Haltungen, Aussagen und Forderungen von Pegida-Anhängern wirklich rassistisch und antihuman“ seien und „welchen anderen (Achtung, hier wechselt das Bezugssubjekt!) derlei nur zugeschrieben“ werde? Und ob nicht die Rede von der Schmähgemeinschaft nicht – „jene Einzelpersonen (!) vor Augen, die zu Pegida gehen“ – viel zu undifferenziert sei? Die Antworten auf diese Fragen sind simpel: Nein, ich habe keine Pegidianer befragt, denn ich schreibe ja über das öffentliche Erscheinungsbild jener Demonstrationsgemeinschaft und seine Auswirkungen. Dazu genügen Beobachtungen, eigene und solche von Freunden und Kollegen, natürlich auch zahlreiche Internetvideos und Presseberichte (zuletzt: FAS, v. 12. 4. 15, S.6). Dass die persönlichen Einstellungen und Motive der Pegidaner wesentlich differenzierter sind als es im öffentlichen Erscheinungsbild zum Ausdruck kommt, ist geschenkt. Umgekehrt: Durch welche subtilen Methoden sollen denn die vorliegenden empirischen Studien – wie Sie postulieren – belegt haben, dass die Schmähparolen NICHT konstitutiv für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Demonstranten sei – durch Befragungen? In Ihrer Januar-Studie teilen Sie die Pegidaner soziologisch in zwei Teile, die zu zwei Dritteln aus „besorgten Gutwilligen“ besteht, zu einem Drittel aber aus „rechtsnationalen Xenophoben“. Scheint mir plausibel, wobei die jüngsten Entwicklungen vielleicht die Anteile noch zugunsten der zweiten Gruppe verschoben haben. Ebenso plausibel und offenkundig ist es, dass diese Xenophoben sehr stark das äußere Erscheinungsbild der Demonstrationen und ihre Semantik prägen und nicht die Mitläufer. Aber wie „gutwillig“ ist es, hinter den Schmähparolen her zu laufen?

Was mir und vielen anderen Sorgen macht (und Ihnen doch, wie ich annehmen möchte, im Grunde auch), sind die Effekte der Demonstrationen auf die politische Kultur und das öffentliche Klima. Dass Übergriffe auf Ausländer in Deutschland und Sachsen zunehmen, ist leider wenig verwunderlich. In diesem Punkt wird Ihre Stellungnahme seltsam unkonkret. Sie stellen in den Raum, die statistische Zunahme der Übergriffe könnten auf bloßem „Hörensagen“ beruhen oder auf „journalistischem Zusammentragen von Expertenmeinungen“ und insinuieren, dass methodisch solide Studien zu anderen Ergebnissen kommen würden. Offenkundig wollen Sie sich mit solchen Effekten nicht auseinandersetzen, um Ihre Sichtweise von Pegida aufrecht zu erhalten, nach der die Oberfläche des Eisbergs irrelevant, seine unter der Wasseroberfläche liegenden Tiefenstrukturen aber ernst genommen werden müssen. Sie deuteten auf reale politische Probleme hin, die durch entschlossenes Politikerhandeln in den Griff bekommen werden müssten.

Diese angeblichen oder wirklichen politischen Probleme werden im Text immer mal wieder mit verschiedenen Schlagworten aufgerufen: das „ungeregeltes Einwandungsgeschehen“; die „Ratlosigkeit darüber, ob es wohl so etwas gäbe wie eine aufrechtzuerhaltende europäische bzw. deutsche Kultur“; oder die Reihung „Einwanderung, ‚Islamisierung‘, Verteilungsgerechtigkeit, Europa- und Russlandpolitik“. Natürlich stecken hinter diesen Worten z. T. ernste sachliche Probleme. Aber zuallererst verkörpert diese Begriffsmelange für mich ein Syndrom von Vorurteilsstrukturen, von Fremdenfeindlichkeit und von Rassismus. Diese Schlagworte und die dahinter stehende Empörung als legitimen Ausdruck von Besorgnis der gutwilligen Bürger zu behandeln und die Schmähparolen als Oberflächenphänomene abzutun, überschreitet eben – um es noch mal zu wiederholen – nach meinem Verständnis den Rahmen des Verstehens und stellt einen Akt der ‚Übersetzung‘ dar. Das Bild von Werner Patzelt als Pressesprecher oder Verteidiger von Pegida ist natürlich trotzdem absurd! „Patzelts Pegida“ im Titel meiner Überlegungen war denn auch mitnichten, wie Sie beklagen, eine wohlklingendere, aber ansonsten identische Version von „Bachmanns Pegida“, sondern es handelt sich klar und deutlich um eine Alternative: hie besorgte Bürger, die Problemlösung einklagen; dort Schmähgemeinschaft. Also keine falsche Unterstellung und Verleumdung, lediglich die Aussage, dass ich „Patzelts Pegida“ für eine schiefe, letztendlich unzutreffende Analyse halte, mit allerdings fatalen politischen Konsequenzen.

Mit kollegialen Grüßen, Gerd Schwerhoff