Schallverstärkung für Iran: Nami Tabari

Interview

Nami Tabari ist Tierarzt und hat uns bei unserem Projekt Kulturwochen – Der andere Blick auf Iran ehrenamtlich unterstützt. Innerhalb unserer Interview-Reihe "Be Our Voice" schildert er uns seine Perspektive auf die Revolution in Iran.

Magst du dich kurz vorstellen und erzählen, was deine Verbindung zu Iran ist?

Ich bin Nami Tabari. Beruflich bin ich Tierarzt. Aus politischen Gründen habe ich vor 20 Jahren mein Heimatland Iran verlassen. Seitdem lebe ich in Deutschland. Ich habe mich ununterbrochen für die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran interessiert und bin aktiv geblieben. Das Leid der iranischen Bevölkerung unter einem autoritären Regime darf nicht ignoriert werden.

Hast du das Gefühl, dass die Leute in Deutschland die Tragweite der Revolution nicht erkennen bzw. nicht wahrnehmen, dass sie auch mit ihnen zu tun hat?

Das Ausmaß der Brutalität des islamischen Regimes mit seinen innenpolitisch menschenverachtenden Taten, aber auch die Gefahr für Frieden auf der ganzen Welt, die von ihm ausgeht, wurde hier noch nicht ausreichend erkannt.

Das Hauptmerkmal dieses Aufstands ist die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und einem menschenwürdigen Leben. Was derzeit im Iran vor sich geht, ist eine Revolution gegen die Weltanschauung eines totalitären islamistischen Regimes, das durch die Umsetzung seiner reaktionären Ideologie eine große Gefahr für die freie Welt darstellt. Wegen jahrzehntelanger Unterdrückung hat sich die iranische Mehrheitsgesellschaft vom islamischen Regime distanziert. Inzwischen hat sich die Wertvorstellung der Iraner*innen immer mehr zu einer säkularen, universellen, humanen Ansicht entwickelt.

Bei der aktuellen Protestwelle geht es um gesamtgesellschaftliche Angelegenheiten inklusive der Ablehnung eines islamischen Herrschaftssystems und seinen Grundeinstellungen.

Die islamische Republik hat schon immer versucht, seine politischen Probleme auf der ganzen Welt zu verbreiten, um sich zu schützen. Das hat natürlich auch mit der Ideologie des Regimes zu tun.
Leider hat unter anderem die naive Politik von den freien, demokratischen, westlichen Mächten dazu beigetragen, dass die Islamische Republik die Gelegenheit hatte, seine Machenschaften und bösen Absichten zu verbergen. Die Medien sind ihrer investigativen Rolle nicht treu geblieben und die regimetreuen Lobbyist*innen haben dadurch die Gelegenheit bekommen, die weitverbreiteten kriminellen Taten des Regimes, wie Terrorismus, Waffenhandel usw. zu verharmlosen. Die westlichen Intellektuellen haben sich im Großen und Ganzen sehr passiv verhalten und die Gefahr des Mullah-Regimes und deren islamistische Züge unterschätzt.

In Iran kam es schon vorher zu Protestbewegungen. Was würdest du sagen, ist der Unterschied in 2022? Welches Potenzial steckt in der Revolution?

Bei allen Protestwellen gegen das islamische Regime ging es im Allgemeinen um Freiheit, Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Leben, aber jede Protestbewegung war von bestimmten Forderungen geprägt. Kurz gesagt, war das Hauptanliegen der sogenannten Grünen Bewegung 2009 gesellschaftliche Freiheit im alltäglichen Leben und aber auch wirtschaftliche Reformen. Die Bewegung war aber hauptsächlich von der Mittelschicht der Gesellschaft getragen. Andere spielten nur eine untergeordnete Rolle. Bei der Grünen Bewegung gab es außerdem die Hoffnung, dass das Regime noch in der Lage wäre, sich zu reformieren.

Die Protestwelle von 2017/18/19 entstand vor allem durch die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes und war viel stärker von dem weniger vermögenden Teil der Gesellschaft geprägt. Mittlerweile unterstützt eine breite Mittelschicht die Proteste.
Die Iraner*innen haben allmählich, u.a. wegen brutaler Niederschlagungen der friedlichen Bewegungen und wegen des Missmanagements in allen gesellschaftlichen Belangen, ihre Hoffnung an Reformierbarkeit der Islamischen Republik verloren.

Nach und nach hat sich der rebellische revolutionäre Gedanke bei der Bevölkerung, und besonders der jungen Generation, verstärkt.

Bei der jetzigen Protestwelle ist endlich die Gesamtheit der Islamischen Republik in Frage gestellt. Die Proteste haben revolutionäre Züge bekommen. Die Kleriker haben mit ihren faschistischen Weltvorstellungen endlich ihre Rolle als die moralische Quelle verloren und zwar schicht- und generationsübergreifend. Der Sturz des Regimes wird lauter als zuvor auf den Straßen gerufen und die Kluft zwischen der Bevölkerung und dem Mullah-Regime ist sehr groß geworden. Die Menschen sind davon überzeugt, dass der Machtapparat nicht mehr zu reformieren ist.

Welche Rolle spielen die Frauen?

Natürlich sind die Frauen in diesem patriarchalen System mehr als alle anderen benachteiligt und entwürdigt worden. Aus diesem Grund haben die Frauen schon immer einen unermüdlichen Widerstand geleistet. In der derzeitigen Protestwelle spielen die Frauen eine Spitzenrolle. Auch Frauen aus der ganzen Welt, besonders aus Ländern mit patriarchalem System, haben darauf reagiert und das ist ein Beweggrund für eine ganze Reihe von feministischen Protestwellen, vor allem in islamischen Ländern, geworden.

Inwieweit spielt eine ideologische und (kolonial)rassistische Brille der Länder des globalen Nor-dens eine Rolle in Bezug auf die Wahrnehmung und Unterstützung der Iran Revolution?

Aus Sicht von vielen Beobachter*innen in den westlichen, demokratischen Ländern wurde in der Vergangenheit, die politisch gesellschaftliche Entwicklung in Iran nicht richtig interpretiert. Meiner Meinung nach richtet sich die Freiheitsbewegung unmittelbar gegen islamistischen Fundamentalismus und seine reaktionären Werte. Islamistische Verbrechen sind nicht nur eine iranische Angelegenheit. Kriminelle Aktivitäten der regimetreuen Gruppierungen schaden der ganzen Welt. Ihre terroristische, antisemitistische Rolle im Nahostkonflikt ist beispielsweise zerstörerisch. Die Zusammenarbeit der Islamischen Republik mit autoritären Ländern, wie Russland im Krieg gegen die Ukraine, macht die Welt unsicher.

Demokratie und Leben in einer freien Welt ist nicht nur ein westlicher Diskurs. Die Iraner*innen glauben an universelle humane Werte, an Demokratie, Menschenrechte und kämpfen dafür wortwörtlich mit Leib und Seele.

Der jetzige Aufstand im Iran hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte, die oft von der freien Welt ignoriert wurde. Die moderne feministische Bewegung braucht die Unterstützung aus der demokratischen Weltgemeinschaft.
Was aktuell im Iran passiert, hat inzwischen eine regionale, sogar weltweite Dimension bekommen. Mit dem Sturz der islamistischen Macht im Iran würde die Welt viel sicherer. Damit verlöre der antidemokratische Block der Welt eine wichtige Säule. Vor allem werden die demokratischen Kräfte des ganzen Nahen Osten davon profitieren und es könnte sehr schnell zu Verbesserungen der Menschenrechtssituation und Sicherheit führen.

Wie beurteilst du die mediale Berichterstattung?

Zuerst muss man endlich begreifen, dass die Berichterstattung durch abhängige, regimetreue Medien in Zusammenarbeit mit Lobbyist*innen nur der Propaganda des Regimes dient und in vielen Fällen eine kriminelle Natur hat. Tatsächlich ist eine angemessene Berichterstattung über die momentane Situation in Iran nicht einfach. Trotzdem gibt es eine Reihe von Quellen, die von den Geschehnissen in Iran zuverlässig berichten. Als Beispiel kann man sich auf die bewährten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, die in letzter Zeit gute Arbeit geleistet haben und die politische Situation sorgfältig dokumentiert, verlassen. Anerkannte Menschenrecht-Aktivist*innen spielen hierbei auch eine wichtige Rolle, z.B. The Association of Families of Flight PS752 Victims. Es gibt auch zuverlässige Berichte von Menschenrechtsbeauftragten der United Nations über Iran. Letztendlich kann man die richtige Berichtsquelle ziemlich mühelos finden – dabei braucht es nur Sorgfalt.

Hat Deutschland eine besondere (politische) Verantwortung gegenüber Iran?

Aus verschiedenen Gründen hat Deutschland hierbei eine große Verantwortung. Die unbedachte politische Beziehung zwischen Deutschland und der Islamischen Republik war in den letzten Jahrzehnten, menschenrechtlich und politisch betrachtet, eine Fehleinschätzung. Sie hat der iranischen Gesellschaft Schaden zugefügt. Die Naivität der politischen Herangehensweise basiert auf der Vorstellung von „Wandel durch Handel“. Diese Vorstellung hat sich in letzter Zeit als falsch erwiesen, sei es gegenüber Putin in Russland oder dem Mullah-Regime in Iran.

Die zerstörerische Kraft der autoritären Mächte wurde leider massiv unterschätzt.

Die Handelsbeziehung hat nur zu Gunsten des Regimes funktioniert. Durch diese falsche Politik haben die Regime-Lobbyist*innen freie Hand gehabt, viele Machenschaften des Regimes zu rechtfertigen. Die Zivilbevölkerung in Deutschland muss sich nochmal gründlich über Iran schlau machen. Es geht auch um die Sicherheit der westlichen Länder. Ihr müsst eure Politiker*innen zu wirkenden Taten bringen, die die Iraner*innen unterstützen.

Was wünschst du dir von der (weißen) deutschen Zivilbevölkerung? Was können Akteur*innen der politischen Bildung tun, um zu unterstützen?

Investigativer Journalismus und informative Veranstaltungen können eine große Rolle in der politischen Bildung über die Situation in Iran spielen.
Von progressiven Intellektuellen und der Öffentlichkeit der freien-demokratischen Welt erwarte ich, dass sie keinen korrupten Lobbyist*innen des islamischen Regimes die Gelegenheit geben, die Unmenschlichkeit der islamischen Republik Iran zu vertuschen und deren kriminelle Politik zu rechtfertigen. Manche von ihnen sind sogar indirekt in terroristische Akte in Europa u.a. Deutschland verwickelt. Es gibt auch islamische Verbände und Institutionen in Deutschland, die ignorieren, was derzeit im Iran passiert. Sie schweigen über die Rolle der islamischen Scharia in dieser blutrünstigen Niederschlagung der Protestierenden.

Macht Druck auf die Politiker*innen, so dass sie sich entschlossen gegen den Staatsterrorismus der Islamischen Republik positionieren und mit wirksamen Taten vervollständigen.

Menschenrechtsverletzende und weltzerstörerische Taten dürfen nicht mehr wegen kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen und anderen Vorteilen ignoriert werden. Dass die rechte Szene solche Debatten zu ihrem politischen Zweck zu missbrauchen versucht, ist kein Grund zum Tolerieren anderer undemokratischer politischer Strömungen.

Von Politiker*innen der freien-demokratischen Welt und Deutschland erwarte ich: Macht es wieder gut. Geht entschieden gegen die Islamische Republik und deren islamistischen Strömungen vor. Wir brauchen eine klare Botschaft und starkes Handeln aus dem Westen in Richtung dieses faschistischen Regimes. Setzt die Revolutionsgarde auf die Terrorliste, entlasst den iranischen Botschafter, gebt den regimetreuen Lobbyist*innen keine Bühne mehr, beschlagnahmt die geplünderten Gelder der Regimeoligarch*innen und friert ihr Vermögen in Europa ein, stoppt die Geldwäsche von regimetreuen Personen und ihren Verwandten durch europäische Institutionen, helft den Iraner*innen mit digitaler Infrastruktur, sodass z.B. die Internetverbindung sichergestellt ist.

Das Interview mit Nami Tabari wurde von Helen Ruck und Nina Mumm am 13. Dezember 2022 schriftlich geführt.