Man muss Glück haben, aber auch sich öffnen für die Möglichkeit

Interview

Soziokulturelles Dorfcafé, Open Food Network und ein Zirkusprojekt: Was Ellinor von Recklinghausen und Lotte Birgit Benesch-Jenkner in Sohland, einem kleinen Ort der Oberlausitz, auf die Beine gestellt haben, ist enorm. Wir sprachen mit ihnen über ihr Engagement, den Traum von einer Sonnenterrasse, Pionierarbeit und drohende Insolvenz, weil zugesagte Fördermittel nicht ausgezahlt wurden.

Lesedauer: 24 Minuten
Ellinor von Recklinghausen und Lotte Birgit Benesch-Jenkner vor dem eröffneten Café.

Liebe Ellinor, liebe Lotte, schön, dass Ihr uns über die Arbeit des Vereins "Sohland lebt!" und weitere Initiativen hier im Ort erzählen möchtet! Mich würde als erstes interessieren, wie Ihr Euch überhaupt gefunden habt und wie der Prozess ins Rollen kam.

Ellinor: Wir haben uns erst einmal freundschaftlich gefunden. Es gibt hier eine Solidarische Landwirtschaft, den Heckenhof. Da bin ich 2014 hingezogen. Lotte hat von hier ihr Gemüse bezogen. Und so haben wir uns kennen gelernt.

Als der Dorfumbauplan besprochen wurde, haben auch wir beide mit vielen anderen teilgenommen. Nachdem zum Schluss gefragt wurde, was wir uns für das Dorf überhaupt wünschen würden, kamen ein paar Stichpunkte, auf die wir angesprungen sind: Man wolle nicht ständig wohin fahren müssen, um Besorgungen zu machen. Man wolle mit den Nachbarn zu tun haben. Viele haben gesagt, dass sie sich einen Ort wünschen, wo man sich niedrigschwellig treffen kann und in Kontakt kommt - etwa eine Gaststätte oder Eisdiele. De facto war es ja so: Die Alten trafen sich auf dem Friedhof bei der Grabpflege und die Jungen im Kindergarten. Da gab es aber keine Schnittstelle!

Lotte: Den "Keller" gab es noch hier in der Nachbarschaft. Da hat man sein Bier getrunken, aber hauptsächlich die Männer. Wenn man da als Neue dazu gekommen ist, dann ist es immer erst einmal ruhig geworden. Dann sind wir raus und dann ging es weiter. Es war eben auch nur für eine sehr kleine Zielgruppe.

Ellinor: Der Regionalplaner, der damals den Dorfumbauplan angeleitet und moderiert hat, legte einen kleinen Samen und er merkte, dass dieser bei uns zu wachsen begann. Er meinte zu uns: „Ihr müsst das machen! Ihr könnt das! Ihr seid die Richtigen!“ Er hat uns wirklich sehr motiviert, etwas zu tun.

"Wir wollten uns selbst etwas Gutes tun und einen Ort schaffen, der auch für unsere Kinder das Dorf attraktiver macht." (Lotte)

Daraufhin haben wir uns irgendwann zu viert getroffen – vier ambitionierte Frauen - und haben zusammen gesponnen, über unsere Träume gesprochen. Wovon träumen wir? Was wollten wir schon immer?

Lotte: Die Kerngruppe hatte sich zeitweise auch vergrößert. Zuerst waren wir vier. Dann waren wir auch mal zu siebt. Gemeinsam in der Runde haben wir dann auch nach einem Ort gesucht.

Ellinor: Und da war ziemlich schnell klar, dass es hier sein soll. Wir haben uns die Terrasse vorgestellt...

Lotte: Dann kam das große Treffen am 20. Juni 2018. Wir haben den Ort ins Schloss eingeladen, um gemeinsam über Ideen zu sprechen. 30 Leute waren gekommen. Der Regionalplaner, Ansgar Kaup, der den Dorfumbauplan damals mit einer Frau, die auch hier lebt, betreut und umgesetzt hat, hat die Moderation für uns gemacht. Er hatte im Vorfeld auch recherchiert und für uns Fakten zusammen gestellt. Er sagte, ein Laden mir Vollsortiment lohne sich bei uns nicht. Er hat uns quasi gleich desillusioniert und das war total wertvoll!

Dann haben wir in dieser Runde eine Abstimmung gemacht, in welche Richtung es gehen soll. Dabei kam heraus: Die Hälfte war für ein Café, die andere Hälfte für einen Laden.

Ellinor: Aber der Laden wurde dann abgewählt, da durch die Fakten ja relativ schnell klar war, dass das überhaupt nicht geht. Dann haben wir diskutiert und die Leute gefragt, was sie brauchen beim Einkaufen. Wenn sie nur einmal eine Tüte Mehl vergessen haben, braucht man ja keinen Laden!

Lotte: Daraufhin haben sich die drei Säulen "Treffen - Austauschen - Genießen" ergeben, die wir uns zum Ziel setzen wollten. Im Rahmen einer Ausschreibung zu dem Ideenwettbewerb simul+ haben wir sie konkret ausgearbeitet. Das war im Herbst 2018.

Drumherum haben sich die Bedürfnisse der 30-Personen-Runde eingeordnet. Dazu gehörte zum Beispiel, dass man altes Wissen vermittelt, etwa wie man Marmelade selbst einkocht, dass Alt und Jung zusammenkommen, Nachbarschaftshilfe, …

Was hat Euch die vergangenen Jahre angetrieben? Woraus habt Ihr Mut und Kraft geschöpft?

Lotte: Wir wollten uns selbst etwas Gutes tun und einen Ort schaffen, der auch für unsere Kinder das Dorf attraktiver macht. Es war schon unser Ziel, dass die Kinder später mal sagen, vielleicht gehe ich ins Ausland, aber ich habe total viel Lust, wieder zurück zu kommen!

Das Dorfcafé ist eines von vielen Puzzle-Teilen, um unsere Gegend wieder attraktiver zu machen.

Und was hat gezehrt?

Ellinor: Der Druck von der Baustelle lastete sehr stark auf unseren Familien, weil unsere beiden Männer den Baukreis gebildet und sehr viel in Eigenleistung gemacht haben. Mein Mann ist Bauplaner. Er hat die Pläne erstellt und mit Lottes Mann die Baubegleitung mit den Handwerkern übernommen. Das war schon ein ordentliches Stück Arbeit.

Lotte: Wir hatten alle zwei Wochen Arbeitseinsätze und da war immer mindestens einer unserer Männer im Einsatz, meistens waren es die Männer. Wir haben die Kinder betreut. Klassische Rollenverteilung...

(Ellinor lacht)

Das ging schon ganz schön in die Familien hinein und war nicht einfach!

Große Warnung an aller Nachahmer: Grenzt ganz klar Familienzeit ab!

Wir reden z.B. am Abendbrottisch nicht mehr über diese Themen.

Hattet Ihr auch Unternehmen, die Euch beim Bau unterstützt haben?

Ellinor: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, vorrangig ortsansässige Firmen anzusprechen und zu beauftragen. Sie hatten einen ganz anderen Bezug zum Projekt. Das hat sich in der Arbeit niedergeschlagen und sie sind uns wirklich entgegen gekommen! Ich glaube, das hätten wir mit Firmen von irgendwo nicht hingekriegt.

Wie habt Ihr denn all das finanziert?

Lotte: Die jüngste Aktion waren Bausteine, die man für je 100 Euro erwerben kann. Die Namen all unserer Unterstützer erscheinen hier im Café auf einer Wand.

Über regiocrowd hatten wir ein Crowdfundig mit Hilfe eines Filmes gestartet, der über unser Projekt informiert. Dabei ging es nicht nur um das Geld. Wir wollten auch bekannter werden. Das Projekt war unsere erste Öffentlichkeitsarbeitsaktion. Wir hatten einfach Lust, etwas auszuprobieren.

Sohland lebt! - Sohland lebt!

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Den Antrag für die LEADER Bauförderung haben wir im Jahr 2019 gestellt. Insgesamt 99.300 Euro bekommen wir für den Bau finanziert, wenn alles abgerechnet ist. Was bei dem Antrag unsere Stärke war, waren die ökologischen Baustoffe, dass unser Café im Zentrum liegt und barrierefrei ist, der soziokulturelle Charakter unseres Projekts und dass das Objekt unter Denkmalschutz steht. Man muss eben auch immer schauen, ob das eigene Projekt in den aktuellen Call reinpasst! Dabei wurden wir gut von Barbara Werling von Richter & Kaup unterstützt.

Solch eine Unterstützung braucht es sicher auch?

Lotte: Unbedingt! Du brauchst gute Berater! Wir haben auch im Vorfeld von Ansgar Kaup gesagt bekommen, dass man einen langen Atem braucht. Wie lang der Atem dabei eigentlich wirklich sein muss, das haben wir jetzt erst so richtig mitbekommen!

Mal muss man drei Monate warten, bis der nächste Call kommt. Man kann auch mal eine Ablehnung erfahren. Aber dann weiß man, wo man nachbessern muss und dreht noch eine Runde. Es ist wichtig, nicht gleich nach dem ersten Mal aufzugeben!

Ihr habt auch von der Gemeinde Unterstützung bekommen. Wie hat sich das entwickelt und wie sieht sie ganz konkret aus?

Ellinor: Ganz am Anfang haben wir mit der Bürgermeisterin gesprochen. Wir haben ihr gesagt, dass wir uns diesen Ort hier für ein Café vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt wurde gerade ein Insektenhotel gebaut, das direkt vor unserem Fenster geplant war. Nachdem wir ihr sagten, dass wir uns an dieser Stelle eine Sonnenterrasse vorstellen, stoppte sie die Bauarbeiter und das Insektenhotel wurde an anderer Stelle errichtet. Das war die erste konkrete Unterstützung. Wir merkten, dass wir und unsere Pläne ernst genommen wurden.

Die Bürgermeisterin machte von Anfang an klar, dass sie uns kein Geld geben kann, wir aber mit ihrer Unterstützung rechnen können!

Sie hat uns in den Stadtrat eingeladen, so dass wir unser Projekt vorstellen konnten. Wir haben lange über den Pachtvertrag gesprochen. Sie hat uns Empfehlungsschreiben verfasst für Förderungen. Sie ist Projektpartner, z.B. für das Zirkusprojekt, das wir haben. Das ist ein Ferienprojekt für Kinder. „Zirkus macht stark“ heißt das Förderprogramm. Dafür brauchten wir zwei Projektpartner und sie ist einer davon. Ihre Unterstützung ist wirklich ein großer Gewinn für uns!

Einmal standen wir vor einer Entscheidung, wo es um eine große Förderung ging und sie uns fragte, ob wir sie nicht zusammen beantragen wollen. Wir haben lange überlegt, ob wir das wirklich wollen. Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir gesagt haben, dass wir gern eigenständig und unabhängig von der Politik bleiben wollen. Allein im Dorf wäre es wohl nicht überall gut angekommen: Da hätte es sicher Geraune gegeben, dass wir doch mit der Bürgermeisterin unter einer Decke stecken würden. Das wollten wir nicht. Es ist einfach auch für die ehrenamtliche Arbeit, die dieses Projekt braucht, sinnvoller, dass wir unsere Unabhängigkeit bewahren.

Fragt Ihr Euch manchmal, wie es mit Eurem Ort weitergeht, wenn vor allem junge Leute, vielleicht auch mal Eure Kinder, der Lausitz den Rücken zukehren? Ist Euch manchmal bange, dass vielleicht mal niemand mehr da ist, um es fortzuführen?

Ellinor: Ich habe das Gefühl, die Zeit ist gerade reif für das Projekt. Es funktioniert, weil es gerade passt. Das Projekt lebt davon, dass alle, die da sind, partizipieren und mitgestalten können. Es spiegelt die Menschen wider, die da sind.

Und je nachdem, wer in 10 oder 20 Jahren hier wohnt, wird das Projekt prägen und es wird wieder anders sein. Das finde ich aber auch ganz wichtig. Von daher habe ich keine Sorge! Wir können sowieso nicht in die Zukunft gucken. Mal schauen, was passiert.

Lotte: Also, hier will niemand weg. In Sohland steigt meines Wissens sogar die Bevölkerungszahl.

Der Kindergarten im Ort ist ausgebucht. Eine Grundschule gibt es keine mehr im Ort. Sie hatten irgendwann die Klasse nicht mehr voll gekriegt mit den Sohländern. Jetzt würde man sie wieder voll kriegen. Nun ist es schade, dass damals entschieden wurde, die Schule zu schließen.

Ellinor: Das rückgängig zu machen ist schier unmöglich.

Lotte: Es fehlt uns nicht an jungen Familien. Es ist eher problematisch, dass diese sehr stark in ihren Alltag eingebunden sind. Da hier die meisten – Mann und Frau – oft Vollzeit arbeiten gehen, bleibt relativ wenig Zeit für zufällige Begegnungen oder ein Ehrenamt oder das, was wir hier vermehrt brauchen würden.

Vielleicht läuft es bei Euch gegen den Trend, eben gerade weil hier auch was passiert?!

Ellinor: Ich komme eigentlich aus Berlin. Für mich war es eine ganz bewusste Entscheidung, hier her zu kommen und zu sagen: Ich will Platz haben. Ich will auch gerne mitentscheiden, was passiert in meinem Umfeld. Und ich habe das Gefühl, den Raum kann man sich hier nehmen, wenn man das möchte. Gerade in Ballungsgebieten, wie in Berlin, geht das nicht so einfach!

Natürlich gibt es hier Leute, die sagen, die Zugezogenen, die Verrückten, die Spinner, lass die mal machen. Uns geht das nichts an. Wir werden sowieso nie ins Café gehen. Dann machen sie es halt nicht. Fertig.

Bei der Fahrt durch den Ort ist mir aufgefallen, dass es hier in Sohland sehr viele, deutlich voneinander abgegrenzte Grundstücke gibt. Mit seinen 7 Kilometern Gesamtlänge ist der Ort wohl auch das längste Mühlendorf in der Oberlausitz. Und ich habe mich gefragt, wie es bei diesen örtlichen Gegebenheiten gelingt, einen Ort der Begegnung und des Austauschs, des Miteinanders für wirklich alle zu schaffen.

Lotte: Ich glaube, dass es im Ort wohl keinen mehr gibt, der noch nie von uns gehört hat, von dem Café oder der Möglichkeit, hier etwas einzukaufen oder dass wir hier Aktivitäten anbieten. Ich glaube, die größere Schwierigkeit ist, dass die Leute gehemmt sind, die Schwelle zu übertreten. Und daran müssen wir arbeiten.

Die Bekanntheit haben wir durchaus jetzt, weil wir Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben. Wir hatten regelmäßig Baustellen-Cafés, d.h. während des Baus konnte man nicht nur die Baustelle besichtigen, sondern auch mit uns ins Gespräch kommen. Es gab Märkte, eben auch mit unserem Lebensmittel-Angebot. Wir hatten auch die ersten Kulturveranstaltungen. Damit sprechen wir konkret Leute an, die sich eben für Filme oder für Lesungen interessieren oder für ein Konzert. Auch zu unserem großen Eröffnungsfest haben viele die Einladung angenommen, mal reinzuschnuppern und in der großen Menge bei uns vorbeizuschauen.

Wir sind nicht darauf angewiesen, dass alle kommen. Es kann auch gerne Kritiker geben, aber die, die davon profitieren, die Lust auf Gemeinschaft haben oder darauf, etwas zu bewegen oder einfach ein Angebot anzunehmen bzw. ein Angebot zu geben, die sollen wissen, dass es uns gibt. Bei uns sind Jung und Alt willkommen, Menschen aus allen Bildungsschichten, egal welcher Herkunft oder Religion. Das ist nicht nur Blabla, sondern wir wollen das auch leben, weil wir neugierig und für alle und Vieles offen sind. Damit erscheinen wir für einige einfach noch als zu anders. Aber das bauen wir mit jedem Cafédienst und mit jedem persönlichen Gespräch immer weiter ab.

Magdalena ist unsere erste Sozialarbeiterin. Sie hat immer ein offenes Ohr und soll die Bedarfe erkennen von Kindern, von Älteren, von wem auch immer, die was machen oder sich engagieren wollen, aber sich das vielleicht nicht so recht zutrauen. Sie ist diejenige, die dann versucht, Angebote zu entwickeln und Menschen zusammenzubringen. Leider wird sie sich beruflich umorientieren, mit einer Nachfolgerin sind wir jedoch bereits im Gespräch.

Ihr habt mit Veranstaltungs- und Gesprächsangeboten Öffentlichkeit hergestellt. Welche Wege seid Ihr noch gegangen?

Ellinor: Wir haben hier die Heimatrundschau aus Reichenbach, ein kostenloses Blatt, das überall ausliegt und einmal im Monat erscheint. Hier haben wir eigentlich immer einen Beitrag stehen. Wir machen unsere Arbeit transparent. Wir informieren über unsere Finanzen und wenn es mal an einer Stelle hapert. Wir laden ein zum Mitmachen auf verschiedenen Ebenen.

Bei größeren Veranstaltungen haben wir in jeden Briefkasten eine Einladung gesteckt.

Lotte:... knapp 500 Haushalte! Das lief in Kooperation mit dem Ortschaftsrat. Die unterstützen uns. Unser Ortschaftsrat begleitet uns und ist selbst auch sehr aktiv. Wir sind hier nicht die einzigen, die was bewegen! An mehreren Stellen arbeiten wir mit gleichen Zielen und Enthusiasmus, um das Dorf zu beleben.

Und auch die Kirche befürwortet unser Projekt. Hier gibt es etwa die Idee, ein Mal im Monat ein Mitbring-Buffet, ein gemeinsames Frühstück, bei uns zu organisieren: Nicht einen Brunch, wofür man 18 Euro zahlt, sondern, wo jeder seine Delikatessen mitbringt und wo wir für Kaffee und Brötchen sorgen.

Wir haben eine Homepage und unsere Twens betreuen neuerdings einen Instagram-Account! Facebook habe ich schon seit einer Weile gemacht.

Vernetzung ist ja auch immer ganz wichtig. Das ist ja schon an verschiedenen Stellen auch bei Euch deutlich geworden. Könnt Ihr noch einmal kurz darstellen, warum und mit wem Ihr Euch vernetzt habt? Und mit wem Ihr gern noch in Kontakt treten würdet?

Lotte: Es braucht gute Gespräche, aber auch viel Zeit, wenn Du Dich qualitativ mit jemandem zusammensetzen möchtest. Deshalb steht an dieser Stelle noch viel auf unserer Liste.

Uns war besonders eine Vernetzung auf lokaler und regionaler Ebene wichtig. So sind wir schon seit Jahren mit Anja Nixdorf-Munkwitz hier aus der Region im Gespräch. Sie begleitet unser Projekt ein bisschen, eher so als Beobachtende und gibt uns immer mal einen Tipp.

Ellinor: Der Kontakt mit dem Planungsbüro Richter und Kaup war enorm wichtig. Das haben wir ja schon an verschiedenen Stellen erwähnt. Mit F wie Kraft haben wir auch zu tun. Das war auf emotionaler Ebene wichtig, aber auch bei der Öffentlichkeitsarbeit hat uns der Kontakt geholfen und wir haben dadurch gesehen, wen es noch so alles in unserer Region gibt.

Wir sind aber auch auf die unterschiedlichen Vereine hier im Ort zugegangen, insbesondere für unsere Eröffnung. Mir ist es sehr wichtig, dass wir das Dorf nicht neu erfinden, sondern wir schauen, was gibt’s und da schließen wir an!

Lotte: Niemanden auszulassen und alle mit anzusprechen – das war so unsere Devise im Vorfeld der Eröffnungsfeier.

Ellinor: Mit dem Open Food Network haben wir uns ebenfalls ein Netzwerk erschlossen.

Lotte: Es ist immer die Frage, wie viel Zeit kann man sich für Netzwerken nehmen. Wir haben total Lust auf Erzählen und Reden und gemütliches Zusammensitzen, aber müssen auch immer schauen, dass wir das Dringendste hier erledigen können. Und das Wichtigste ist wohl, dass man eine gute Beziehung zu seinen Nachbarn pflegt, dass man hier niemandem auf die Füße steigt. Die wichtigsten Kooperationspartner sind eigentlich die Leute hier!

Euch wurde ja sehr hart gesagt, dass sich ein Laden mit Vollsortiment hier nicht lohnt. Nichts desto trotz habt Ihr den Gedanken nicht ganz ad acta gelegt. Und Ihr habt ein Open Food Network ins Leben gerufen.

Lotte: Das war gar nicht geplant! Die Anregung kam von Odilia vom Heckenhof, die ebenfalls vor einigen Jahren aus England hier her gezogen ist. Sie meinte, es gäbe in England das Open Food Network und dachte, wir sollten das doch auch für uns hier aufbauen. Allein die englische Homepage ins Deutsche zu übersetzen und dann noch an unsere Verhältnisse anzupassen, alles im Ehrenamt - als ich das so hörte, dachte ich, das sei ein Prozess, der wohl ewig dauert. Doch dann hatten sich auch in anderen Regionen Deutschlands – ein paar Leute gefunden und rangesetzt. Ellinor hatte damals auch an der Übersetzung mitgewirkt. Und plötzlich hieß es auch schon: Es ist fertig! Wir können es jetzt ausprobieren. Das war ungefähr vor 3 Jahren.

Dann hat uns Karin Strempsky, die ehemalige Bäckersfrau, ihr Ladenlokal in Sohland zur Verfügung gestellt. Sie ist Rentnerin und alleinstehend. Ihr großes Anliegen war, für sich vorzusorgen. Ihre Kinder wohnen nicht hier und sie ist auf eigene Beine gestellt, kann vielleicht irgendwann nicht mehr Auto fahren. Deshalb möchte sie eine fußläufige Versorgung haben. Darum hat sie uns auch bis heute mit der Warenannahme sowie der Buchführung unterstützt. Sie ist auch jetzt noch im Boot. Das hat uns so viel Mut gemacht! Sie ist eine Schlüsselfigur.

Und so haben sich zwei Puzzle-Teilchen zusammengefügt!

Wir haben die Plattform befüllt. Wir waren auch eine der ersten Hubs, also Verteilstationen des Open Food Networks in Deutschland.

Das Prinzip ist einfach: Jede*r Landwirt*in, jede*r Produzent*in in Deutschland kann sich da anmelden, seine Produkte eingeben und anbieten. Um den Prozess zu beschleunigen haben wir konkret Leute angesprochen und sie kurz angeleitet, wie die Plattform funktioniert. So haben wir aktuell 10-15 Produzent*innen aus der Region mit jeweils 10 -100 Produkten darin. Ihr Angebot können sie von Monat zu Monat aktualisieren. Und wir sind die Verteilstation. Wir verbinden uns mit ihnen und lassen die bestellte Ware zu uns liefern. Diese wird in Kisten gepackt. Die Leute holen sich dann ihr Paket ab und trinken vielleicht noch eine Tasse Kaffee bei uns.

Im Prinzip ist es, wie Marktschwärmer, eine Plattform zum Bestellen.

Wir sind hier aber nicht geeignet als Marktschwärmer. Man braucht hier im Dorf eine kleinere Lösung. Bei den Marktschwärmern stehen ja die Händler vor Ort und das kann man hier nicht machen. Das passt einfach nicht für so ein Dorf.

Wir wollen das Ganze auch noch etwas erweitern. Gestern habe ich das erste Mal bei unseren Produzenten und auch bei anderen für unseren Laden bestellt, um ein kleines Sortiment anzulegen. Dabei handelt es sich um haltbare Waren, die sich auch mal über einige Monate halten.

Ich bin in Eurem Video auf Euren Spruch „Lebensqualität durch Lebensmittel mit Qualität“ gestoßen. Was bedeutet das konkret für Eure Arbeit?

Lotte: Wir nehmen Produkte auf, die im Dorf bzw. in der Region entstehen. Es muss nicht gleich Bio sein, aber die Produkte müssen unseren Anforderungen entsprechen. Uns ist es wichtig, dass das Fleisch aus verantwortungsvollen Quellen stammt, darum auch die Produkte vom Rotstein-Lamm: die Schafe sind hier am Rotstein ein Jahr aufgewachsen und werden auch hier in Löbau geschlachtet und etwa zu Schinken und Wurstprodukten verarbeitet. Die Erzeugnisse haben jetzt keine Bio-Zertifizierung, aber absolute Transparenz. Wir sehen die Schafe jeden Tag. Wir haben Vertrauen zu den Erzeugern und können dieses auch weitergeben an die Käufer. Das ist uns wichtig.  Wir wollen mit den Produzent*innen und Landwirten in eine verantwortungsvolle Zukunft aufbrechen und sie dahingehend begleiten.

Wir wollen auch unbedingt Selbstgemachtes anbieten, gerade aus dem Nonfood-Bereich. Im Dorf gibt es z.B. eine Frau, die macht sehr schöne Holzbrettchen mit sehr hübschen Löt-Mustern. Aber auch wenn jemand mal einen Kirschen-Überschuss hat, nehmen wir ihn gern auf.

Wir bieten auch fair gehandelten Tee und Kaffee im Café an und werden davon auch ein kleines Sortiment künftig in unserem Laden haben. Und wir haben jetzt auch unser eigenes "soziales" Bio-Bier aus der Brauerei in Wittichenau. Es wurde für uns gebraut mit eignen Etiketten! Die Überschüsse fließen in die Vereinsarbeit von "Sohland lebt!".

Ihr leistet ja Ungeheures, um den Ort fit für die Zukunft zu machen. Profitiert Ihr in irgendeiner Art und Weise von den Geldern, die es für den Strukturwandel in der Lausitz geben soll? Was müsste passieren, damit eben auch kleinere, ortsansässige Initiativen davon mehr profitieren?

Lotte: Es ist schon ein großes Hemmnis, dass große Fördertöpfe erst angezapft werden können, wenn man sich auf der Antragsebene bei einem Budget im fünfstelligen Bereich bewegt. Es wäre schön, wenn man das noch einmal runterbrechen könnte, nicht nur mit kleinen Ideenwettbewerben, wo man mit viel Mühen 5.000 Euro bekommt, sondern eben was dazwischen. Das fehlt mir schon!

Ellinor: Es ist auch ein Problem, dass man sich immer wieder ein neues Projekt aus den Fingern saugen muss, nur um Fördermittel zu bekommen. Es ist viel wichtiger, dass wir unsere Vision weiter verfolgen können. Dass wir da weitermachen können! Dadurch entsteht ein ganz anderer Raum, wenn man eine gewisse Gelassenheit haben kann.

Lotte: Da beißt sich die Katze auch wieder in den Schwanz, wenn man für eine institutionelle Förderung dann wieder so etwas braucht wie z.B. eine ordentliche Buchhaltung. Wenn man sich das aber noch nicht leisten kann, kann man das auch noch nicht vorweisen! Da wünsche ich mir auch niedrigschwelligere Einstiegsmöglichkeiten.

Das haben wir jetzt hoffentlich mit dem Programm „Soziale Orte“. Wir warten auf den Bescheid und dass wir die Förderung bekommen, für die wir schon ein halbes Jahr im Voraus in Vorleistung und Vorkasse gegangen sind: die Küche, unsere fünf Stellen und auch Einrichtungsgegenstände. Ich weiß nicht, mit 40.000 – 50.000 Euro sind wir jetzt in Vorleistung gegangen.

Das muss man sich auch erst einmal leisten können!

Lotte: Das Budget konnte nicht freigegeben werden. Und wir warten und warten und warten!

Ellinor: Das ist echt ein Unding!

Lotte: Teilweise gab es schon schlaflose Nächte und für uns stellt sich die Frage, wie machen wir weiter? Wie bezahlen wir unsere Rechnungen? Dann ging ganz viel in Richtung Privat-Darlehen.

Die Sachbearbeiterinnen der SAB haben uns toll unterstützt und bleiben dran. Und ich hoffe, dass jetzt in den nächsten 2 Wochen der Bescheid endlich da ist und dann können wir auch den Auszahlungsantrag stellen. Das hätte uns fast das Genick gebrochen!

Ellinor: Wenn wir nicht die Wahnsinns-Unterstützung bekommen hätten von gewissen Einzelpersonen, hätten wir eigentlich Insolvenz anmelden müssen! Dabei haben wir uns nur auf die Zusage für die Fördermittel verlassen! Die Projektzeit läuft und wir haben natürlich die großen Ausgaben, die Investitionen an den Anfang gestellt.

Lotte: Wir hatten die Interessensbekundung im Juli 2021 eingereicht. Im September oder Oktober 2021 bekamen wir die Zusage für die Interessensbekundung. Dann haben wir den Antrag gestellt mit Beginn Januar 2022 und der Projektlaufzeit bis Dezember 2024. Das wurde uns alles zugesagt und dann wartet man ein halbes Jahr. Mündlich wurde uns zugesagt: Ja, Ihr könnt beginnen. Es klappt. Es ginge alles.

Wir haben hier zwei 50-Prozent-Teilzeitstellen für Koordination und die Sozialarbeit und einen Mini-Job. Die Arbeit haben wir auf 5 Personen aufgeteilt. Im Januar haben wir uns noch Geld ausgezahlt. Seit Februar arbeiten wir jetzt quasi für 0.

Ellinor: Ohne Gehalt.

Lotte: Aber wir glauben an das Gute!

Ellinor: Bei den meisten Förderungen fallen insbesondere kleinere Initiativen oder Einzelpersonen raus, die ein schönes Projekt haben. Sie kommen erst gar nicht auf die Idee, Fördermittel zu beantragen, weil es einfach viel zu kompliziert ist und sie schrecken vor der Abrechnung zurück!

Es gibt ja auch andere Modelle! Es gibt viele Stiftungen, die ganz anders arbeiten. Natürlich müssen sie vielleicht die Mittel nicht so penibel nachweisen, wie es bei öffentlichen Mitteln notwendig ist. Trotzdem kann man sicher einen Mittelweg finden, dass auch öffentliche Gelder leichter zu bekommen sind. Wie viel Verwaltung hinter öffentlichen Geldern steckt! Wenn ich für unser Zirkusprojekt im Voraus sagen muss, wie viel Jonglierbälle wir für 2,95 Euro kaufen und das auch noch drei Mal korrigieren muss, weil ich irgendeinen Fehler gemacht habe, dann frage ich mich, wo da die Wirtschaftlichkeit bleibt. Da muss sich was ändern! Ganz klar!

Lotte: Mir hat eine Stelle gefehlt, die uns ganz konkret hätte unterstützen und beraten können, z.B. an wen wir uns wenden können in den ganzen steuerlichen und rechtlichen Angelegenheiten.

Ellinor: Ja! Tipps hat es immer wieder einmal vereinzelt gegeben, aber eine richtige Rechtsberatung, die Hilfestellung bei der Wahl der richtigen Organisationsform gibt und zu entsprechenden buchhalterischen Grundlagen hat gefehlt. Man kann ja auch eine Projektförderung inklusive Beratung anbieten. Das kann so viel wert sein!

Lotte: Das gibt es im Bau ja auch! Da gibt es z.B. die Energieberater.

Ellinor: Vielleicht auch noch eine Ergänzung zu den Anträgen an sich: Ich habe in einem anderen Zusammenhang die Erfahrung mit einer Stiftung gemacht. Sie setzen auf das persönliche Gespräch und ich glaube, das ist für alle Seiten viel angenehmer. Wir zeigen, was wir machen und in der persönlichen Begegnung sieht man viel mehr, als in irgendeinem ausgefüllten Antragsformular.

Lotte: Eine Freundin von mir studiert Soziale Arbeit und hat eine Belegarbeit zum Thema Gemeinwesen gemacht über „Sohland lebt!“ . Sie hat gesagt, alles, was Ihr hier macht, deckt sich mit meinem Lehrbuch eigentlich mit der klassischen Gemeinwesenarbeit. Und eigentlich sollte es nicht Eure Aufgabe sein!

Ellinor: Die Kommune sieht ja, was passiert. Die Bürgermeisterin sieht, was ihre Leute machen.

Lotte: Sie kann uns noch nicht einmal eine Miete erlassen für eine Raumnutzung, weil sie auf jeden Cent schauen muss.

Ellinor: Aber wenn sie jetzt ein Budget für Gemeinwohlarbeit hätte, über das sie frei verfügen könnte, wäre insbesondere kleineren Initiativen - wie etwa uns - geholfen.

Lotte: Das müsste dann auch nicht ausschließlich an Vereine gehen, sondern vielleicht auch an engagierte Privatpersonen. Und das mit einem einfachen Antrag und nicht mit einem mehrstufigen, der über ein halbes Jahr dauert.

Wir haben jetzt für uns gesagt: Wenn wir jetzt noch Gelder akquirieren, dann vorrangig – eben, weil wir aktuell kein neues Projekt anfangen möchten und können -, lieber von Stiftungen.

Vielleicht abschließend: Habt Ihr 2,3 Tipps für all jene, die selbst aktiv werden wollen?

Ellinor: Mitstreiter suchen und loslegen.

Lotte: Träume auch zulassen. Nicht gleich von vornherein sagen: Das schaffen wir sowieso nicht. Da müssen wir Abstriche machen. Sondern sich mal eine richtig schöne Vision malen und sich ein klares Ziel setzen mit einem Zeitpunkt.

Am Anfang von allem steht das Herzblut und einfach machen! Da gibt es das tolle Buch von Rob Hopkins „Einfach. Jetzt. Machen.“. Das kann ich sehr empfehlen!

Was uns Mut gemacht hatte, war die entstehende Terrasse. Das macht uns seit 3, 4 Jahren Mut. Dieser Gedanke, mit einem Sommer-Cocktail bei uns auf der Terrasse zu sitzen.

Ellinor: Partizipation! Das ist vielleicht nervenaufreibend, aber auch ein wichtiger Schlüssel. Was soll man da seinen Stiefel fahren und dann will niemand anderes es haben? Das bringt ja nichts.

Ich finde auch enorm wichtig zu schauen, was ist jetzt gerade das Wichtige? Was ist das, wofür ich wirklich brenne? Was ist das, was jetzt gerade dran ist? So ein Engagement hat immer auch eine persönliche Komponente, die gehört werden muss. Wenn man selbst bei der Sache ist, hat das so viel Macht! Wenn man dieses Feuer hat und tut, wofür man brennt, dann erfasst man auch schnell viele Andere.

Lotte: Genau. Und in diesem Zuge eben auch mal „Nein“ sagen, „Jetzt nicht“ oder eben Leute einbinden. Wenn Menschen eine Idee mitbringen, für die sie brennen, ihnen Mut machen, die Umsetzung selbst in die Hand zu nehmen.