Wassermangel im Lausitzer Kohlerevier

Interview

Wir sprachen mit René Schuster zu den Zusammenhängen zwischen dem Tagebau in der Lausitz und dem immer knapper werdenden Wasser in der Region. Er ist Autor der Broschüre „Kohle.Wasser.Geld - Wie umgehen mit den Wasserproblemen des Braunkohlebergbaus in der Lausitz?“

Lesedauer: 7 Minuten
Blick auf die Kühltürme in Jänschwalde.

Jana Mittag: TESLA oder das Lausitzer Kohlerevier – wer verursacht größere Probleme für die Wassersituation in Brandenburg?

René Schuster: Von der Wassermenge her ist das eindeutig die Braunkohle. Aber wir haben überall ein Problem, wo mehr Grundwasser verbraucht wird, als neu entsteht. Darum muss sich Brandenburg dringend kümmern - nicht nur in der Lausitz.

 

Jana Mittag: Was sind die gravierendsten Auswirkungen des Braunkohletagebaus auf den Wasserhaushalt der Region?

René Schuster: Mal ganz kurz gesagt: Während des Abbaus ist das für mehrere Jahrzehnte die Grundwasserabsenkung, dann folgen weitere Jahrzehnte, in denen brauner Eisenschlamm die Fließgewässer bedroht und am Ende bleiben Ewigkeitslasten wie die erhöhten Verdunstungsverluste unnötig groß angelegter Tagebauseen. In unserer Broschüre haben wir das natürlich noch etwas ausführlicher dargestellt.

 

Jana Mittag: In der Lausitz wurde das Grundwasser meist 80 bis 100m tief unter die Kohle abgepumpt. Diese enormen Mengen an Grundwasser wurden in der Vergangenheit in die Spree geleitet. Sie sprechen von „geborgtem Wasser“. Was meinen Sie damit?

René Schuster: Während des Kohleabbaus werden die Grundwasserkörper leergepumpt, dafür erscheint die Spree schön voll, weil sie das Wasser aus der Region wegleitet. Später muss das Wasser gewissermaßen dem trockengelegten Boden zurückgegeben werden. Erst wenn das Grundwasser wieder bis zur Oberfläche angestiegen ist, kann es wieder auf natürlichem Weg den Fluss speisen. Bis dahin kann es Jahrzehnte dauern und in dieser Zeit herrscht massiver Wassermangel.

Karte des Lausitzer Kohlereviers mit eingezeichneten Kohletagebauseen, Tagebauen und Sanierungsflächen.
Karte des Lausitzer Kohlereviers mit eingezeichneten Kohletagebauseen, Tagebauen und Sanierungsflächen.

Jana Mittag: Warum ist ein schneller Ausstieg aus der Kohle auch für den Wasserhaushalt in Brandenburg wichtig?

René Schuster: Bei einem früheren Kohleausstieg gibt es die Probleme früher, aber sie können in Summe kleiner sein. Wieviel Wasser wir noch durch Kühltürme jagen, wie viel Grundwasser nach dem Bergbau aufzufüllen ist, wie viel die Seen verdunsten werden - das wird jetzt entschieden. Der größte Teil der Probleme ist leider längst verursacht, aber wir müssen jedes Prozent und jeden Kubikmeter ernst nehmen, der noch vermeidbar ist. Denn die nächste Generation kann die Tagebaufolgen nur noch managen, wir haben noch ein Zeitfenster von wenigen Jahren, um sie zu minimieren.

 

Jana Mittag: Erklären Sie uns was eine „klimatische Wasserbilanz“ ist und wie diese für die Tagebauseen im Lausitzer Kohlerevier aussieht?

René Schuster: Die Klimatische Wasserbilanz zeigt, wie viel Regen übrigbleibt, wenn man die potenzielle Verdunstung abzieht. Sie hängt logischerweise stark vom Wetter ab. Berechnungen der BTU Cottbus zeigen, dass bei durchschnittlichen Niederschlägen die Landflächen in der Lausitz nicht den gesamten Regen verdunsten. Dagegen verdunsten die Tagebauseen deutlich mehr Wasser als es geregnet hat. Sie sind damit praktisch zusätzliche Wasserverbraucher.

 

Jana Mittag: Je größer die Oberflächen der Restseen, desto höher die Verdunstung und somit der Wasserverbrauch. Wie könnten zu große Seen vermieden werden?

René Schuster: Indem nach dem Bergbau nicht riesige Flachwasserzonen angelegt werden wie beim 2-3 Meter tiefen Cottbuser See. Es ist zwar schwer vermeidbar, die tiefsten Stellen der Tagebaue, die sogenannten Randschläuche, mit Wasser zu fluten. Aber wo tausend Hektar von der Förderbrücke aufgeschüttete Kippe einfach unter Wasser gesetzt werden, wird jahrhundertelang massiv Wasser verdunsten, das sonst im Spreewald und in Berlin ankommen könnte. Solange die Bagger noch da sind, muss es also darum gehen, mehr Land- und weniger Wasserfläche zu hinterlassen.

 

Jana Mittag: Warum geschieht das nicht? Was steht der Umsetzung im Weg?

René Schuster: Es gibt ja durchaus Tagebaue, die nur solche schmalen tiefen Seen hinterlassen haben. Die LEAG plant in vier von ihren fünf Gruben aber Riesenseen. Vermutlich hat das viel damit zu tun, dass Fluten einfach billiger ist als den Boden nochmal zu bewegen.

 

Jana Mittag: Wie könnte man die Betreiber hier stärker in die Pflicht nehmen?

René Schuster: Die nötigen rechtlichen Instrumente existieren eigentlich. Denn die Rekultivierung der Landschaft wird erst im sogenannten Abschlussbetriebsplan geregelt, bei den großen LEAG-Tagebauen ist der noch nicht einmal beantragt. Und die Braunkohlenpläne für Nochten und Welzow werden ohnehin überarbeitet. Hier müssen die Berg- und Planungsbehörden sich den echten Zukunftsfragen mal ergebnisoffen stellen. Wenn die Konzeption der Rekultivierung der LEAG überlassen wird, wird sie die Kosten für ihre Eigentümer in Prag optimieren, nicht für die Allgemeinheit.

 

Jana Mittag: Die Wasserproblematik wird durch die Klimakrise noch verstärkt: wie wirkt sich das beispielsweise beim Cottbuser Ostsee aus?

René Schuster: Erst einmal haben die Dürrejahre die Flutung deutlich verzögert. Es stand nur ein Bruchteil des Spreewassers zur Verfügung, mit dem bei der Planung noch gerechnet wurde. Stattdessen wird Grundwasser aus der Umgebung in den See gepumpt. Aber letztlich werden wir erst in den nächsten Jahrzehnten sehen, was die Klimakrise mit dem See macht.

 

Jana Mittag: In Frankfurt/Oder zahlen inzwischen die Trinkwasserkund*innen für die Folgen des Braunkohlebergbaus?

René Schuster: Ja, die Stadt nutzt im Wasserwerk Briesen Uferfiltrat aus der Spree zur Trinkwassergewinnung. Durch die bergbaubedingt angestiegenen Sulfatwerte in der Spree musste sie nun in Mühlrose ein weiteres Wasserwerk ertüchtigen um das Briesener Wasser verdünnen zu können. Da weder der Bergbau als Verursacher noch das Land die millionenschweren Kosten tragen, musste der Wasserpreis angehoben werden. Das Verursacherprinzip wird hier mit Füßen getreten.

 

Jana Mittag: Sie stellen die Frage, in welcher Rangfolge Wasserbedarfe versorgt werden, wenn das Wasser knapp ist. Wer trifft solche strategischen Entscheidungen?

René Schuster: So wie ich die europäische Wasserrahmenrichtlinie verstehe, müsste das ein Bewirtschaftungsplan nach Anhörung der Öffentlichkeit entscheiden. Stattdessen wird dort aber nur auf eine nicht öffentliche Arbeitsgruppe verwiesen. Dort sitzen die Tagebaubetreiber von Anfang an mit am Tisch, während die meisten anderen Wassernutzer und Betroffenen um jede Information kämpfen müssen. Transparenz sieht definitiv anders aus.

 

Jana Mittag: Würde es helfen, Elbwasser überzuleiten?

René Schuster: In der Elbe fließt auf den ersten Blick viel mehr Wasser als in der Spree. Aber es ist genauso umkämpft und wird auch dort weniger. Ein Überleiter würde mindestens eine halbe Milliarde kosten, ob das notwendig und verhältnismäßig ist, kann ich noch nicht sicher sagen. Fest steht aber, dass die LEAG als Mitverursacher und Nutznießer an den Kosten beteiligt werden müsste, denn sie würde ja mit diesem Wasser ihre Tagebauseen fluten.

 

Jana Mittag: Der Weiterbetrieb ausgewählter Grundwasserbrunnen könnte das phasenweise Trockenfallen der Schwarzen Elster verhindern. Eine gute Lösung?

René Schuster: Das ist nur eine Notlösung, aber um Längen besser als Tagebaue und Kraftwerke länger zu betreiben. Denn man müsste weder das ganze Jahr über pumpen, noch ein Viertel des Wassers in Kühltürmen verdampfen. Das trifft übrigens auf die Spree genauso zu, nur dass die bisher noch nicht öffentlichkeitswirksam trockengefallen ist.

 

Jana Mittag: Im Koalitionsvertrag der jetzigen Bundesregierung steht, dass die Errichtung einer Stiftung oder Gesellschaft geprüft wird, die den Rückbau der Kohleverstromung und die Renaturierung organisiert. Was könnte diese Stiftung konkret unter welchen Bedingungen leisten?

René Schuster: Falls die Braunkohlenwirtschaft die von ihr verursachten Schäden nicht mehr erwirtschaften kann, könnte eine Stiftung klare Verhältnisse schaffen, wann die Allgemeinheit wofür einspringt. Das ist nur dann gut, wenn sich der Staat bei den konkreten Regelungen nicht über den Tisch ziehen lässt. Im Moment allerdings verdient die Kohlewirtschaft nach mehreren dürren Jahren mit den gestiegenen Energiepreisen wieder massiv Geld. Das wäre schnellstens komplett für die Folgeschäden der Tagebaue zu sichern und dafür braucht man noch keine Stiftung, sondern nur den klaren politischen Willen.

Porträtaufnahme René Schuster
Porträtaufnahme René Schuster

 

 

Das Interview mit René Schuster führte Jana Mittag, Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg für Ökologie, Demokratie und Soziales e.V., im März 2022.

Zum Weiterlesen empfehlen wir die Broschüre "Kohle. Wasser. Geld. - Wie umgehen mit den Wasserproblemen des Braunkohlebergbaus in der Lausitz?" der Grünen Liga (Umweltgruppe Cottbus), Autor: René Schuster.