"Wir können Krisen angehen, wenn der Wille da ist"

Klimaproteste in Zeiten von Corona: Wir haben mit Aktivist:innen der FridaysForFuture-Bewegung aus dem Dreiländereck Polen-Tschechien-Deutschland darüber gesprochen, wie sich der Protest verändert und wie es weiter geht.
Teil 3 mit Marek aus Prag, Student, 19 Jahre alt

Fridays for Future Demonstration in Brno
Teaser Bild Untertitel
FFF Kundgebung in Brno

Wie heißt du und woher kommst du?

Mein Name ist Marek Jankovský und ich lebe in Prag, wo ich auch studiere.

Welche Aufgaben übernimmst du in deiner Bewegung?

Bei FridaysforFuture Tschechien bin ich in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv. Dazu gehört: Presse, Kommunikation als Sprecher, Verwaltung und Finanzen. Meine Aufgaben unterscheiden sich je nachdem, wie viel Freizeit ich habe und wie viel Arbeit es in den jeweiligen Arbeitsgruppen gibt. Gegenwärtig konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Entwicklung unserer langfristigen Strategie für die Bewegung und einer allgemeinen Kommunikationsstrategie, die viele unserer derzeitigen Prozesse vereinfachen würde.

Wie organisiert ihr euch normalerweise bei FFF Tschechien?

Als Bewegung organisieren wir uns über Internet-Kommunikationsplattformen, die es Aktivistinnen und Aktivisten aus der ganzen Tschechischen Republik ermöglichen an unseren Prozessen teilzunehmen. Unsere Struktur arbeitet auf drei Ebenen - lokal, regional und national. Jede der drei Ebenen konzentriert sich auf unterschiedliche Aufgaben, je nachdem, was auf dem gerade Gebiet geschieht.

corona und klima

Front des Fridays for Future-Klimastreikes am 27. September 2019 in Erfurt, Fronttransparent mit aufgemalten Motiv "Wir sind jung & brauchen die Welt"

Klimakrise und Corona

Hätte eine Person 2019 gefragt, welches Thema die nächsten fünf Jahre dominieren würde, wäre es sehr wahrscheinlich die Klimakrise. Allein in Deutschland gingen am 20. September 2019 rund 1,4 Millionen Menschen unter dem Motto „Fridays For Future“ (FFF) für mehr Klimaschutz auf die Straße. 2019 ist das Jahr des Aufwachens gewesen. Und 2020 sollte das Jahr des Handelns werden. Noch im Januar waren die Großbrände in Australien das Jahresereignis. Das politische Momentum schien für eine ökologische Wende bereit zu sein.

Ein paar Wochen später stand jedoch neben der Corona-Krise kaum noch ein gesellschaftliches Thema auf der Agenda. Sowohl Medien als auch die Regierungsarbeit und das abendliche Tischgespräch drehten sich um  die Pandemie und ihre sozialen Folgen. Doch die drängende Frage der Klimagerechtigkeit ist nicht verschwunden.

Was ist dabei mit dem Thema Klimagerechtigkeit passiert? Wie hat FridaysforFuture in der Isolation weitergelebt? Und hat das Jahr 2020 doch noch Potential, das Jahr des Handelns zu werden? Wir haben drei FFF-Aktivist:innen aus drei Ländern gefragt. Denn weder Klima noch Corona machen nicht an Ländergrenzen halt. Davon erzählen:

Du sprichst von regionalen Themenschwerpunkten. Habt ihr auch spezifisch tschechische Themen und Ziele als FFF Tschechien?

Ja, es gibt mehrere Themen, die spezifisch für die Tschechische Republik sind. Eines davon ist unsere Kohleindustrie, die immer noch eine der größten in der EU ist. In der Tschechischen Republik stammen 47 % der Energie aus Kohle und ein großer Teil der kohleproduzierten Energie wird in die Nachbarländer exportiert. Trotzdem hat die Regierung noch keinen Termin für die Einstellung des Kohleabbaus und der Kohleverbrennung festgelegt. Nach Andeutungen der Regierung und der Kohlekommission gehen wir von einer Veröffentlichung bis Ende diesen Jahres aus. Da dies ein großes Thema für die Tschechische Republik ist, kommunizieren wir es viel in den Medien und während unserer Aktionen.

Ein weiteres Klimaproblem, unter dem die Tschechische Republik leidet, ist die Dürre. In diesem Jahr erleben wir die schlimmste Dürre seit 500 Jahren, und das trotz der starken Niederschläge/Regenfälle in den letzten Wochen. Das ist also ein weiteres Thema, welches wir gerade stark in die Öffentlichkeit tragen. 

Wie beeinflusst die Corona-Krise euren Aktivismus?

Da der größte Teil unserer Arbeit und Kommunikation online stattfindet, waren wir nicht so stark betroffen wie andere Strukturen bei FFF, ganz im Gegenteil. Viele von uns waren flexibler mit ihrer Zeit, da die Schulen geschlossen wurden, was uns erlaubte mehr Arbeit zu erledigen als sonst. Was unsere Veranstaltungen anbelangt, so mussten wir jedoch mehrere Proteste und andere Aktionen, die wir geplant hatten, absagen. Als Ersatz hielten wir mehrere Online-Veranstaltungen ab.

Die Corona-Krise führte zu einer neuen Agenda anstelle der Klimakrise. Glaubst du, dass die Corona-Krise euch in eurer Arbeit zurückgeworfen hat?

Ich würde nicht sagen, dass die Corona-Krise ein Rückschritt für die Klimabewegung war. Da der gesamte Planet im Grunde für mehrere Monate abgeschaltet war, zeigt es nur wie schnell weltweite Krisen angegangen werden können, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist. Wenn die Reaktion auf die Klimakrise vor 30 Jahren, als die Beweise eindeutig waren, so unmittelbar gewesen wäre, hätten wir dieses Problem heute nicht. Und das haben wir bei allen unseren Online-Veranstaltungen betont. Ich sehe das Coronavirus also eher als eine Art Gelegenheit uns wieder auf alle Krisen zu konzentrieren mit denen wir konfrontiert sind.

Wir betonen auch die Notwendigkeit einer grünen Erholung. Einige der Finanzquellen, die die EU im Rahmen des europäischen Green Deal vorbereitet, wie zum Beispiel der Just Transition Fond, können als Lösung sowohl für die Klimakrise als auch für die Coronavirus-Krise dienen. Aber wir müssen betonen, dass wir nicht zur Tagesordnung übergehen wollen und dass sich die Dinge ändern müssen.

Vielen Dank dir für das Interview. Ich habe noch eine letzte Frage: Welches ist die Veranstaltung, das Thema oder Ziel auf das du dich am meisten freust, wenn du mit FFF in die Zukunft blickst?

Nun, auf lange Sicht wäre es die Klimaneutralität der EU. Aber das wird wahrscheinlich erst in 30 Jahren der Fall sein. Aber es ist immer noch ein Ausblick in die Zukunft. Was die nächsten Jahre betrifft, so würde ich es wirklich als eine große Errungenschaft betrachten, wenn der Klimawandel zum Haupt- oder zumindest zu einem der Hauptthemen der nächsten Parlamentswahlen in der Tschechischen Republik im Jahr 2021 werden würde. Aber um das zu erreichen, haben wir noch viel Arbeit vor uns.

Interview und Übersetzung: Maximilian Marraffa, Weiterdenken