Eine Krise europäischer Werte

Interview

Zora Siebert spricht mit Markus Weinberg über seinen Dokumentarfilm „Die Mission der Lifeline“, Begegnungen mit Pegida und die aktuellen Entwicklungen in der europäischen Flüchtlingspolitik.

Porträt Markus Weinberg
Teaser Bild Untertitel
Filmemacher Markus Weinberg, Jahrgang 1983

Für deinen Film „Die Mission der Lifeline“ hast du die Organisation Mission Lifeline aus Dresden, die Menschen in Seenot rettet, zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Warum hast du dich dazu entschieden?

Das Thema ist mir mehr oder weniger in den Schoß gefallen. Ich habe damals für die Dresdner Morgenpost gearbeitet und schon einige Artikel zum Dresdner Balkankonvoi geschrieben. Das war eine Initiative, die dazu aufgerufen hat, Hilfsgüter für Menschen auf der Balkanroute zu spenden. Ich bin von meiner Redaktion hingeschickt worden, um einen Artikel über die Hilfsbereitschaft in Dresden zu schreiben.

Dabei habe ich Axel Steier als Sprecher der Initiative kennengelernt. Die Aktion war so erfolgreich, dass am Ende ca. 25 Konvois mit Hilfsgütern auf den Balkan gefahren sind. Der Kontakt ist nicht abgerissen und wir haben immer wieder darüber berichtet. Irgendwann kam Axel Steier aus Griechenland zurück und berichtete, dass Flüchtlinge mit ihren Booten direkt vor der Küste kentern und ertrinken.

Jeder, der schon einmal an der Küste war und auf einer Klippe gestanden hat, kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, jemandem zu helfen, der gerade untergeht, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Mit diesem Entsetzen ist Steier zurückgekommen und hat gesagt: „Wir müssen ein Schiff ins Mittelmeer bringen. Wir gründen einen Verein, wir kaufen ein Schiff und in drei Monaten geht es los.“

Axel ist ein Mensch, der nicht von „könnte“ spricht, sondern der sagt „wir machen das“. Ich meinte zu ihm: „Wenn ihr das macht, dann würde ich das gerne dokumentarisch begleiten.“ Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon für das MDR-Fernsehen gearbeitet und auch eigene kurze Dokumentationen gedreht. Ich habe mich bei Axel Steier „beworben“ und ihm den Vorschlag gemacht, dass ich eine Produktionsfirma involviere, um es professionell anzugehen. Lifeline hat dann entschieden, dass sie uns heranlassen.

Es ist immer so eine Sache, einerseits der Wunsch, eine Dokumentation zu machen und andererseits das Interesse derer, die dokumentiert werden sollen. Sie müssen ja auch einverstanden sein. Ich habe damals schließlich für eine Boulevardzeitung gearbeitet, die nicht unbedingt die Lieblingszeitung der Aktivisten um Axel Steier ist.

Das kann ich mir vorstellen. Hat es dann innerhalb von drei Monaten geklappt? 

Am Ende hat es ein bisschen länger gedauert. Das ist auch ein Großteil der Geschichte des Films und der Grund dafür, warum der Film den Namen „Die Mission der Lifeline“ bekommen hat. Es war kein einfacher Akt, ein Schiff zu kaufen und ins Mittelmeer zu fahren. Es hat anderthalb Jahre gedauert, bis die Gelder zusammengekommen sind, aber auch bis ein geeignetes Schiff gefunden wurde. Das hatten sich alle anders vorgestellt.

Zu der Zeit sind auch einige Prozesse von Mission Lifeline gegen Pegida gelaufen. Da gab es z.B. Unterlassungserklärungen und es wurde gegen Hate speech in den sozialen Medien vorgegangen. Es gab einige Auseinandersetzungen. Auch das haben wir begleitet. Ich war damals als Journalist auf vielen Pegida-Demonstrationen und auf anderen Demos in Sachsen, wo es gekracht hat. Sei es in Plauen, Tröglitz, Bautzen oder Connewitz.

Bei den Reden auf der Bühne der Demos wurde immer wieder gegen Lifeline gehetzt. Diese beiden Geschichten waren nicht voneinander zu trennen. So ist das Thema zu mir gekommen. Ich habe mir nicht gesagt: „Ich mache jetzt auch was über Pegida, weil das für Dresden interessant ist.“ Die Geschichten von Lifeline und Pegida sind verwoben. Lifeline ist anfangs auch sehr bekannt geworden, gerade weil Pegida gegen den Verein gehetzt hat und wir Journalisten darüber berichtet haben.

Du hast jetzt schon gut übergeleitet. Ihr habt eine besondere Dokumentation gemacht: Es geht um Flucht und Seenotrettung, aber der Film handelt nicht nur von dem Leid und den persönlichen Geschichten der Geflüchteten, sondern vor allem auch davon, wie Seenotrettung organisiert wird. Dabei konzentriert sich dein Blick auf die Crew. Kannst du uns dazu noch mehr erzählen?

Vielleicht kurz zu meinem persönlichen Hintergrund: ich habe Politikwissenschaften studiert und mir war es daher wichtig, das Thema der Seenotrettung gesellschaftlich einzuordnen. In welchem politischen Umfeld findet das ganze statt?

Es sind dazu schon andere Filme entstanden – während der Dreharbeiten ist z.B. der Film IUVENTA über JUGEND RETTET herausgekommen. Dann gab es von Markus Imhoof ELDORADO, oder auch den fiktionalen Film STYX, der auf der Berlinale einen Preis bekommen hat. 2019 wurde der Kurzfilm LIFEBOAT von Skye Fitzgerald für die Oskars nominiert. Es gab also einige Filme. Unser Film ist anders, weil er sich eines lokalen und eines internationalen Themas angenommen hat. Das gab es vorher noch nicht.

Die Seenotrettungsorganisationen, aber auch die Fernsehanstalten haben schon viele Reportagen und Berichte gemacht, bei denen ein Journalist mitfährt. Die Rettung war sozusagen „abgeguckt“, diese Bilder kannte schon jeder. Das wollten wir nicht noch einmal erzählen. Solche Bilder verbreiten die Seenotrettungsorganisationen ja auch selbst, um auf ihre wichtige Arbeit aufmerksam zu machen. Nur die Rettung zu dokumentieren, hätte für unseren Film zu wenig Erkenntnisgewinn bedeutet.

Der Film zeigt das politische Klima in Dresden. Seenotrettende sind oft Zielscheibe von Angriffen aus dem Rechtsaußen-Spektrum. Warum war es dir wichtig, neben der Geschichte der Lifeline im Film auch Szenen der Pegida-Demos in Dresden zu zeigen?

Ich wollte keinen Film zeigen, der sagt: „Die sind so und die sind so.“ Ich wollte es bewusst offenhalten und habe auch nicht versucht, Pegida zu diskreditieren oder schlecht da stehen zu lassen. Ich habe aufgenommen, wie die Realität vor Ort ist, bzw. wie es aus meiner Perspektive aussieht. Mir hat bis jetzt auch noch niemand vorgeworfen, dass es darum ging mit dem Film andere vorzuführen - egal welche Seite. „Die Mission der Lifeline“ ist ein Film, der zu Diskussion anregt.

Pegida diskreditiert sich ja selbst, wenn man zuhört, was auf den Demonstrationen gesagt wird.

Es ging uns darum, zwei, drei bezeichnende Begegnungen einzubauen. „Die Mission der Lifeline“ zeigt nicht die typischen „Bulldoggennazis“, die man aus den 90er Jahren kennt, sondern die freundliche alte Dame von nebenan mit der extremen Weltanschauung. Ihr begegnet man auf der Straße und denkt, das ist eine gutbürgerliche Oma, die mit ihren Enkeln auf den Spielplatz geht. Und dann macht sie den Mund auf und es kommen Sachen raus, die man sich nicht vorstellen kann und die man ihr nicht zutrauen würde.

Ich würde gerne auf den weit verbreiteten Vorwurf zurückkommen: Das rechte Spektrum wirft Seenotrettenden immer wieder vor, dass sie illegale Schlepper sind bzw. deren Netzwerke unterstützen. Wie schätzt du das ein? 

Wir sind auch Schleppern begegnet. Mit meinem Kameramann war ich auf der ersten Mission der Lifeline im September 2019. Dann kam dieser besagte Tag X, der 26. oder 27. September, als früh morgens das erste Boot gesichtet wurde. Es gab mehrere Punkte auf dem Radar. Die Sara, das Beiboot der Lifeline, ist dann dort hingefahren und im gleichen Moment ist ein anderes Schnellboot Richtung libysche Küste weggefahren.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Schlepper vor Ort auf hoher See die Menschen kurz vorher ausgeraubt hatten. Wir haben sie noch wegfahren sehen! Der Vorwurf allerdings, dass es eine Zusammenarbeit gibt, ist nicht belegt. Ich habe das auch nicht erlebt. Es wird immer über sogenannte Push-Pull-Faktoren gesprochen. Natürlich ist es so, dass die Schlepper die Menschen auf See schicken und ihnen sagen „Ihr werdet schon irgendwie gerettet.“

Aber wenn man die Geschichten der Menschen anhört, weiß man auch, dass sie meist nicht freiwillig in die überfüllten Boote steigen. Niemand, der bei Trost ist, steigt einfach so auf ein Schlauchboot. Die Menschen haben keine andere Möglichkeit. Es gibt Berichte von Amnesty International über Menschenrechtsverletzungen in Libyen.

Nach langer Zeit im Lager, ohne dass sie eine Möglichkeit haben zu widersprechen, werden die Menschen bei Nacht und Nebel auf ein Schiff geladen. Es gibt weitere Meldungen darüber, dass diejenigen, die sich geweigert haben, noch vor Ort erschossen worden sind. Auch in unserem Film erzählen das einige.

Diese Geschichten können wir nicht alle überprüfen, aber die Vielzahl über Jahre immer wieder ähnlichen Geschichten weisen darauf hin, dass da etwas dran ist. Später gab es auch eine Studie, in der es darum ging, wie viele Boote mit Geflüchteten von der libyschen Küste ablegen, wenn Seenotrettungsboote vor Ort sind. Die Studie belegt, dass der Zusammenhang so gering ist, dass man nicht davon sprechen kann, ob das ein Push oder Pull Faktor ist.

Menschen flüchten und sie sind auch schon immer über das Mittelmeer geflüchtet. Seit Tausenden Jahren gibt es Migrationsbewegungen. Daraufhin zu sagen, Seenotretter seien schuld daran, dass Fluchtbewegung stattfindet, ist Quatsch. Die Behauptung, dass Flucht über das Mittelmeer wegen privater Seenotrettung passiert, lässt sich mit Fakten widerlegen.

Es gibt viele Verfahren, die gegen Mitglieder der Crew eingeleitet wurden. Z.B. gegen den ehemaligen Lifeline Kapitän Claus Peter Reisch, der in Malta zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist. Davon wurde er Anfang dieses Jahres freigesprochen. Claus Peter Reisch fährt inzwischen aber nicht mehr für Mission Lifeline, warum?

Claus Peter Reisch war, ähnlich wie Carola Rackete bei Seawatch, ein Kapitän, der für diese Mission „angeheuert“ wurde. Lifeline hat einen Kapitän für die Mission gesucht, Claus Peter Reisch hat sich beworben und weil er schon Erfahrung auf der Seaeye hatte, hat ihn Mission Lifeline ausgewählt. Er war nicht „der“ Kapitän der Lifeline, sondern „ein“ Kapitän.

Im Film sieht man, dass Friedhold Ulonska auch Kapitän in unserem Film war. Friedhold Ulonska hat mehrfach Missionen für Lifeline gefahren. Als die Lifeline im Juni 2018 im Mittelmeer festgesetzt worden ist und Claus Peter Reisch angeklagt wurde, stand der Verein hinter ihm und hat die Prozesskosten übernommen. Für einen Verein wie Lifeline, der sich selbst als links definiert, war klar, dass man sich als Solidargemeinschaft versteht und Claus Peter Reisch unterstützt wird.

Es gab aber auch unterschiedliche Ansichten über die Zusammenarbeit. Claus Peter Reisch hat einen ganz anderen Hintergrund. Ein bayrischer Unternehmer trifft auf Dresdner Aktivisten aus dem linken Spektrum. Man hat gut zusammengearbeitet, aber manchmal kommt einfach der Zeitpunkt, an dem man sagt: „Jetzt passt es nicht mehr“, und man geht weiter.

Was ich als Außenstehender schön finde, ist, dass Lifeline, trotz der ein oder anderen Spitze, die Claus Peter Reisch geschossen hat, zu ihm steht und sagt „es geht um die Sache“. Claus Peter Reisch wurde weiter unterstützt, auch wenn er vielleicht enttäuscht ist, dass es nicht so weitergeht, wie er es sich vorgestellt hat.

Wie siehst du die Rolle der Städte und Kommunen? Während die EU-Mitgliedstaaten sich nicht auf eine gemeinsame Politik einigen können, sehen wir auf kommunaler Ebene, dass das sehr wohl geht. Viele Städte und Kommunen wollen Geflüchtete aufnehmen. Ich denke z.B. an die Seebrücke Initiative. 

Ein großer Vorwurf von rechts ist, dass über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden wird. Das finde ich sehr spannend, denn jetzt passiert in den Kommunen und Städten etwas, dank der Seebrücke. Städte und Kommunen wollen selbst entscheiden, ob sie Geflüchtete aufnehmen dürfen oder nicht.

Im Juni 2018 musste die „Lifeline“ mit 234 Menschen an Bord tagelang auf hoher See ausharren, weil sie in keinem europäischen Hafen anlegen konnte. Aus Empörung darüber wurde in Deutschland innerhalb weniger Tage die Seebrückenbewegung gegründet. Es ging darum, dass Kommunen, Gemeinden und Städte sich als sicherer Hafen erklären.

Das heißt, dass sie sich dafür aussprechen, Menschen in ihren Gemeinden aufzunehmen, die auf See gerettet wurden. Sie sagen: „Wir haben Platz und diese geschaffenen Plätze für die Menschen können wir auch belegen.“ Das war das Ansinnen der Bewegung und es ist wie ein Lauffeuer durch Deutschland gegangen. Das hat mich sehr gefreut.

Eine handfeste Aktion, die politisch motivierte Menschen in ihren Heimatorten auf den Weg gebracht haben. Sie haben gesagt: „Wir fordern eine Abstimmung im Stadtrat oder im Magistrat.“ Sie haben Petitionen auf den Weg gebracht, damit es diese Abstimmungen gibt. Daraufhin müssen sich alle politischen Fraktionen mit dem Thema beschäftigen. Von der AfD bis zu den Linken.

Mittlerweile sind es circa 140 Städte und Gemeinden, die sich als sicherer Hafen erklärt haben. Doch es scheitert in Deutschland am Bundesinnenministerium, das dies nicht genehmigt. Das Bundesinnenministerium entscheidet darüber, ob Geflüchtete kommen können oder nicht. Ich finde, auf Ebene der Städte, wo sich die Menschen kennen und sich dafür aussprechen Geflüchtete aufzunehmen, sollte diese Entscheidung auch getroffen werden können. Letztendlich sind es die Menschen vor Ort, die Geflüchtete integrieren.

Andererseits finde ich es falsch, eine Stadt an den Pranger zu stellen, die entscheidet, dass sie keine Geflüchteten aufnehmen möchte. Es ist ein demokratischer Prozess. Wenn es eine Abstimmung gibt, ist es normal, dass es ein „Ja“ und ein „Nein“ geben kann und genauso muss man auch akzeptieren, dass es Gemeinden gibt, die nicht mehr Geflüchtete aufnehmen möchten.

Man muss selbst mit gutem Beispiel vorangehen, demokratisch geforderte Abstimmungen können auch verloren werden. Am Beispiel von Markus Söder und auch Horst Seehofer wird deutlich, dass es zumindest nach außen ein Umdenken gibt. Beide entfernen sich von der „AfD-Rhetorik“, weil sie den Druck aus 140 Gemeinden gespürt haben.

Das ist eine politische Macht. Markus Söder und Horst Seehofer haben wohl gemerkt, dass sie die Zustimmung der Menschen eher verlieren, wenn sie auf dieselbe Rhetorik setzen wie die AfD. Allein diese Veränderung in der Sprache ist ein kleiner Erfolg, auch wenn ich nicht glaube, dass sich das Denken der beiden geändert hat. Das ist Opportunismus, aber allein diese kleine Veränderung finde ich für den Anfang gut.

Im Frühjahr plant die Europäische Kommission, den „Neuen Pakt für Migration und Asyl“ vorzulegen. Es ist noch nicht klar, was er beinhalten wird. Zugleich spitzt sich die Situation auf den griechischen Inseln und an der Grenze zur Türkei zu. Was denkst du, als langjähriger Beobachter von Rettungsmissionen, was müsste sich in der europäischen Geflüchtetenpolitik ändern? Was muss besser gemacht werden?

Für so große Krisen habe ich auch keine Gesamtlösung. Ich bin nur ein Beobachter. Ich würde es gut finden, wenn Worten auch Taten folgen und wir uns an unsere eigenen Werte halten. Es geht als allererstes um die Einhaltung von internationalem Recht, ob das die Genfer Flüchtlingskonvention ist, das internationale Seerechtsübereinkommen, oder ob es das Non-refoulement-Gebot ist. Das sind europäische Werte, die seit Jahrzehnten Bestand haben.

Die Europäische Menschenrechtskonvention kann man auch dazu zählen. 

Wir sollten uns an die Werte halten, die Europa vor sich herträgt. Zu diesen Werten sollten wir stehen, auch wenn sie unter Druck geraten. Das wäre der erste Schritt. Wir müssen nichts Neues erfinden, sondern uns an das halten, was wir uns selbst auf die Fahne geschrieben haben. Dann würden sich viele Probleme erledigen, weil es ja eigentlich schon einen Plan gibt. Ich bin kein Fan davon, alles neu zu erfinden, alles noch kleinteiliger zu regeln. Als erstes sollte man sich an das halten, was man vereinbart hat.

Meines Erachtens muss es in der Debatte um Flucht auch um faire Handelsbedingungen gehen, um große globale Themen, die auch Europa nicht alleine klären kann. Ob es eine ideale Welt der Fairness jemals geben wird, weiß ich nicht. Irgendwo müssen wir aber anfangen und Möglichkeiten schaffen. Europa sollte bei sich beginnen und ich denke, dass wir damit nichts verlieren würden. Im Gegenteil, Europa würde attraktiver werden.

Vielen Ländern fehlt einfach die Möglichkeit der Teilhabe. Bei uns in Deutschland ist viel von Teilhabe die Rede, von Chancengleichheit. Heute gibt es z.B. kaum Ausbildungsmöglichkeiten und Austausch für Menschen von außerhalb der EU, da könnte man ansetzen. Es würde uns wenig kosten.

Wenn wir anfangen würden, mehr Chancengleichheit und Teilhabe zu schaffen – und dazu braucht es keine Revolution –können nach und nach Prozesse geschaffen werden, die auch den Menschen vor Ort helfen und die Flucht verhindern können. Flucht verhindern kann man nicht, indem man – wie es Ursula von der Leyen sagt – Griechenland als „Schild“ begreift oder eine „Festung Europa“ errichtet, sondern dies muss auf eine intelligente Art erfolgen, indem man mit den Menschen redet.

Die meisten Geflüchteten sagen zwar, dass sie nach Europa wollen, aber wenn man sich mit ihnen länger unterhält, wird klar, dass die meisten da leben wollen, wo sie aufgewachsen sind, wo ihre Familien sind. Heimat gibt es überall. Jeder hat das Gefühl von Heimat in sich. Es gibt sicher auch Menschen, die das nicht brauchen, aber die meisten Menschen wollen wieder dorthin zurück, woher sie gekommen sind.

Viele Menschen, die flüchten, flüchten aus Not. Ob es Krieg ist, ob es wirtschaftliche Not ist oder andere Beweggründe - Flucht ist dann ein legitimes Mittel. Für die EU gibt es Tausende Möglichkeiten Dinge zu verändern, ohne dass sie ihr Wertesystem aufgeben muss.

Du bist ja auch mit „Die Mission der Lifeline“ noch viel unterwegs auf Kinotouren und Debatten. Wie geht es bei dir weiter?

Wir sind definitiv bis in den Herbst mit dem Film unterwegs. Die Auswertungszeit wird ca. anderthalb Jahre betragen. Im Mai 2019 ging es los und in den nächsten zwei Monaten stehen 40 Termine mit Debatte an. Jeden zweiten Tag sind ich oder Kapitän Friedhold Ulonska bei einem Filmgespräch dabei. Im politischen Bereich bin ich dieses Jahr mit „Die Mission der Lifeline“ eingebunden, ansonsten mache ich dieses Jahr noch zwei Reportagen im Sport und Outdoorbereich.


Markus Weinberg: Der gebürtige Dresdner, Jahrgang 1983, hat in Dresden Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Soziologie studiert. Schon vor seiner Zeit als Student und Rennradprofi ist Weinberg durch die Welt gereist, immer hat er Geschichten mitgebracht. Seit ein paar Jahren erzählt er diese. Er arbeitete unter anderem als freier Redakteur für den MDR, als Videojournalist in ganz Sachsen und als Print-Redakteur bei der Dresdner Morgenpost. Heute arbeitet Markus als freier Redakteur/ Videojournalist/ Doku-Filmer.