Asyl in Sachsen - Interview mit Rola Saleh von Miriam Knausberg

Rola Saleh arbeitet seit 2011 hauptamtlich  bei der AG In- und Ausländer e.V. in Chemnitz in der Asylverfahrensberatung und in der Beratung für Migrant*innen im Alltag und engagiert sich bei der Initiative Jugendliche ohne Grenzen als Landeskoordinatorin für Sachsen. Zudem ist sie Vorstandsmitglied des Sächsischen Flüchtlingsrats und Landeskoordinatorin beim Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). 2001 kam sie selbst aus dem Libanon als Asylsuchende nach Chemnitz.  Nach 10  Jahren bekam sie einen sicheren Aufenthaltsstatus.

Rola, das Thema Flucht und Asyl ist zunehmend Gegenstand von Diskussionen und Debatten. Dabei kommen jedoch meistens vor allem Menschen zu Wort, die von außen auf das Asylsystem schauen. Durch deine Beratungstätigkeit in Chemnitz und die Zeit, in der du selbst Asylsuchende warst, kennst du das Asylsystem in Sachsen sehr genau aus der Innenperspektive. Worin siehst du die größten Probleme und Schwierigkeiten für Geflüchtete, die von anderen übersehen oder vergessen werden?
Das Asylsystem ist sehr kompliziert. Die meisten, die hierher kommen, kennen die Formalitäten der Asylantragstellung nicht wirklich. Sie bekommen Unterlagen vom Bundesamt, die diese erklären. Das ist aber nicht ausreichend.  Viele überfordert es, das System dahinter zu durchschauen. Eine besondere Gruppe unter den Asylsuchenden sind UMF [Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge], traumatisierte oder psychisch kranke Menschen, die hier ankommen und sofort ihr Asylverfahren durchlaufen müssen. Für diese Menschen muss es mehr Zeit geben, damit sie wirklich mental  bereit sind, das Ganze durchzustehen. Dazu kommt, dass manche Analphabeten sind, also müsste man ihnen alles mündlich erklären.Für das Interview beim Bundesamt für Migration und Flucht (BAMF) bekommen Asylsuchende manchmal einen Dolmetscher, den sie gar nicht oder nur teilweise verstehen. Weil Sie z.B. Kurden sind, aber aus einem arabischen Land kommen, bekommen sie trotzdem einen arabischen Dolmetscher. Damit wird ihnen die einzige Möglichkeit erschwert, ihre Fluchtgründe zu schildern. Grundsätzlich muss das ganze Dublin-System  in Frage gestellt werden, solange nicht in jedem EU-Land die gleichen Bedingungen oder Voraussetzungen vorhanden sind. Davon sind wir weit entfernt.

Welche Forderungen an die Politik auf kommunaler und regionaler Ebene leitest du daraus ab? Wie ließe sich das System verbessern?
Meine Forderungen richten sich eher an die regionale Ebene, da die Erstaufnahmeeinrichtung dem Freistaat Sachsen zugeordnet ist. Asylsuchende brauchen während des Verfahrens Beratung und Betreuung in ihrer Muttersprache. Zudem muss die gesundheitliche Versorgung verbessert werden. Während der Unterbringung in den Asylbewerberheimen sollte jeder die Möglichkeit haben, einen Sprachkurs zu machen, da das Erlernen der deutschen Sprache notwendig zur Orientierung ist. Aufgrund der weltweit steigenden Anzahl an Menschen auf der Flucht muss das Land Sachsen die Kapazitäten und Unterbringungsmöglichkeiten erweitern.

Mit zunehmenden Zahl Asylsuchender ist in vielen Orten in Sachsen auch eine Zunahme der rassistischen Mobilisierung und Instrumentalisierung des Themas Flucht und Asyl durch rechte Strukturen zu bemerken. Hast du in den letzten Jahren Veränderungen bemerkt, wie Asylsuchenden und Geflüchteten in Sachsen begegnet wird?
Leider ja, es ist schlimmer geworden. Ich nehme das auch im Alltag mehr wahr, was ich vor 10 Jahren noch nicht behaupten konnte. Die Politik sendet mit ihren restriktiven Gesetzen gegenüber Asylsuchenden oder Ausländern falsche Signale. Dazu die ganze Propaganda und Hetze in den Medien. Das ist für bestimmte rechte Gruppierungen ein gefundenes Fressen. Daher bedarf es mehr Aufklärungsarbeit überall und diese Arbeit muss gefördert werden.

Neben zunehmendem Rassismus ist auch zu beobachten, dass sich verstärkt Unterstützer*innengruppen zusammenfin-den. Welche Ratschläge und Grundgedanken kannst du ihnen mit auf dem Weg geben?
Ich wünsche jeder Gruppe, die Asylsuchenden helfen möchte, egal auf welche Art und Weise es sein mag, viel Erfolg. Seid aufgeschlossen, dann sind es auch die Asylsuchenden. Manche Asylsuchende haben selber Angst vor dem Kontakt mit Deutschen oder Fremden. Versucht ihnen diese Angst zu nehmen. Ganz wichtig ist es, wenn man helfen möchte, dass alles Rechtliche bezüglich des Asylverfahrens von Beratungsstellen oder Anwälten erklärt werden soll. Viele meinen es oft gut, aber durch bestimmtes Verhalten kann das zum Nachteil für manche Asylsuchende werden.

 

Siehe auch: "Mal ehrlich!- Flucht und Asyl in Sachsen"