Modellprojekt

ORTSBEGEHUNG – Stadtrecherchen zu Shoah und Täterschaft

Im Rahmen des dreijährigen Modellprojekts werden Bildungsbausteine für Recherchearbeiten mit Jugendlichen zu Shoah und Täterschaft in der lokalen Stadtgeschichte entwickelt. Die Recherchearbeiten werden von u.a. von Seminaren, Stadtführungen und einer Gedenkstättenfahrt begleitet. Ziel ist es, historisches Wissen zur Shoah, Antisemitismus und NS-Täterschaft zu vermitteln, Quellenkompetenz zu erwerben und Meinungsbildungsprozesse zu fördern. In Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus Sachsen und Brandenburg werden die Bildungsbausteine über einen Zeitraum von zwei Jahren praktisch erprobt und kontinuierlich weiterentwickelt. Begleitet wird das Modellprojekt durch Fachtagungen, Publikationen und einen wissenschaftlichen Beirat.  

Projektaufbau

Workshops: Auf den Spuren der TäterInnen - Verbrechen ohne Täterschaft?

In einführenden Workshops, Stadtführungen, Gedenkstättenbesuchen, Zeitzeugengesprächen und Filmnachmittagen steigen die Jugendlichen in den Forschungsprozess ein und erweitern ihr Wissen über den Nationalsozialismus, die Shoah und die Frage nach Täterschaft. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft steht die Frage, warum so viele Menschen zu TäterInnen wurden. Anhand einzelner TäterInnenbiograpien werden deren Motivlagen, Handlungsspielräume und Ambivalenzen diskutiert und die gesellschaftspolitischen Strukturen und die Rolle des Antisemitismus bei der Verfolgung und Vernichtung der Juden untersucht. In der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen werden Fragestellungen zu möglichen Ursachen der Verbrechen erarbeitet und unterschiedliche Positionen und Erklärungsmodelle von HistorikerInnen angesprochen. 
In den Workshops werden in der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen Fragen nach individuellen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen in der Konfrontation mit Diskriminierung und Ausgrenzung gestellt und über gesellschaftliches und individuelles Verantwortungsbewusstsein diskutiert.

 

Recherchearbeiten: Das Handwerk des/der LokalhistorikerIn lernen

Die teilnehmenden Jugendlichen haben im Rahmen des Projekts die Möglichkeit unter Begleitung selbstständige Recherchearbeiten zu NS-Täterschaft in ihrer jeweiligen Stadtgeschichte durchzuführen. Die Auseinandersetzung mit lokaler Geschichte ist wichtig, um Geschichte auch als Handlungen von Menschen vor Ort begreifbar zu machen und nicht nur als ferne Entscheidungen „von oben“. Durch die Reflexion des Lokalen wird deutlich, dass die Handlungen oder das Wegsehen von Vielen zu den NS-Massenverbrechen maßgeblich beigetragen haben. Im Rahmen der Recherchearbeiten stehen zwei didaktische Fragen im Mittelpunkt:
(1) Auf welche Art waren die Menschen in meiner Stadt an der Shoah beteiligt?
(2) Und an welchen Aspekten der Stadtgeschichte lässt sich die Systematik und Dimension der Vernichtung erkennen? Die Antworten auf diese Fragen finden die SchülerInnen im Zuge eines aktiven Lernprozesses, der selbständiges Recherchieren unter Betreuung in den Mittelpunkt stellt.

Vorbereitet werden die Recherchearbeiten durch Einführungen in die Archivarbeit, Archivbesuche (bspw. Hauptstaatsarchiv, Stadtarchiv, Landesarchiv) und die Frage was Quellenkritik ist.

Ausstellung: Lokale Tätergeschichte(n) sichtbar machen

Die Ergebnisse der Recherchearbeiten werden von den Jugendlichen in Form einer Ausstellung aufbereitet und der lokalen Öffentlichkeit präsentiert. Die beteiligten Jugendlichen erhalten bei der Konzeption und Gestaltung der Ausstellungen Unterstützung von erfahrenen KuratorInnen und KünstlerInnen und lernen so innovative und zeitgemäße Ausstellungsformate kennen. Die Ausstellungen bieten ebenfalls die Möglichkeit sich mit lokalen Formaten der Erinnerungskultur auseinanderzusetzten, bisherige Geschichtsbilder zu ergänzen und deren Repräsentation kritisch zu hinterfragen. 

Ehemaliges Lagergelände der Freia GmbH, "Judenlager",
Aufnahme 50er Jahre, Polytechnisches Zentrum des Kombinates Albert Funk, Sammlung Düsing 

FREIBERG: Schuljahr 2012/13

In Freiberg haben wir mit dem Berufliches Schulzentrum für Technik und Wirtschaft "Julius Weisbach"(link) und der Geschichtslehrerin Frau Maria-Gabriele Lippmann einen Kooperationspartner für unser Projekt im Schuljahr 2012/13 gefunden. Schülerinnen und Schüler der 11. und 12. Klassen werden im fakultativen Nachmittagsbereich an ORTSBEGEHUNG teilnehmen. Außerdem unterstützt uns Dr Michael Düsing, der im Jahr 2011 sein Buch „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt zur Verfolgungsgeschichte der Jüdinnen und Juden in Freiberg veröffentlicht hat und sich schon seit vielen Jahren mit der Geschichte Freibergs im Nationalsozialismus beschäftigt. Außerdem unterstützt uns Frau Christine Schmidt, die die Geschichte der Todesmärsche in der Region erforscht. Parallel sind wir auch mit Dr. Norman Pohl in Kooperation, der im Moment die Geschichte der Freiberger Bergakademie während des Nationalsozialismus im Rahmen des Jubiläums der Bergakademie erforscht. 

Teilnahme

Teilnehmen können SchülerInnen zwischen 13 und 18 Jahren aus Sachsen und Brandenburg. Gearbeitet wird kontinuierlich über den Zeitraum von einem Schuljahr. Die Jugendlichen werden über den gesamten Zeitraum von den MitarbeiterInnen der Heinrich-Böll-Stiftungen begleitet. Für die TeilnehmerInnen entstehen keine Kosten. Materialien, Fahrtkosten, Verpflegung und Unterbringung werden vom Projekt getragen. 

Kooperationspartner
Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

UnterstützerInnen

ORTSBEGEHUNG -Stadtrecherchen zu Shoah und Täterschaft findet im Rahmen des Bundesprogrammes „TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend statt. Es wird weiter unterstützt durch das lokale Handlungsprogramm für Demokratie und Toleranz und gegen Extremismus der Landeshauptstadt Dresden.

Wissenschaftlicher Beirat

Boris Brokmeier, Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten
Dr. Christoph Hamann, Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg
Gottfried Kößler, stellv. Direktor des Fritz Bauer Instituts, Pädagogik
Dr. Gunda Ulbricht, Hatikva e.V. Dresden

 

KONTAKT

Kathrin Krahl
Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen
Schützengasse 18, 01067 Dresden
Tel: 0351 – 4943313
eMail: krahl@weiterdenken.de

Susann Karnapke
Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg
Dortustr. 52, 14467 Potsdam
Tel: 0331-20057815/16
eMail: karnapke@boell-brandenburg.de


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