All Content

Zeitgeschichte – Alle Beiträge

71 - 80 von 88

Steffen Giersch

geb. 1953 – nach Eisenbahnerlehre Tätigkeit für Kirche und als Amateurfotograf – Anf. 80er Jahre Mail-Art-Aktionen und Verfolgung durch Staatssicherheit – Teilnahme an Friedensseminaren und Kontakte zu Pfarrern Rudolf Albrecht/Meißen und Christoph Wonneberger/Dresden – „Todesangst“ und „Bürgerkrieg“ am 3./4.10. 1989 auf Dresdner Hauptbahnhof – Teilnahme an Demonstrationen, auch am 8.10. mit Gründung „Gruppe der 20“ – Verhinderung Bau Reinstsiliziumwerk Dresden-Gittersee

Angela Hampel

geb. 1956 – nach Ausbildung zur Forstfacharbeiterin und Abendstudium Studium an der Kunsthochschule Dresden – Beteiligung an zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen – Engagement für „Kirche von Unten“, Umweltaktionen, Gründung des Dresdner „Frauen-Cafés“ in der DDR – Gründung Frauenkünstlerinnenverein Dresdner Sezession 89 in „Wende“

Mir liegt die Bürgerbewegung am Herzen ...

.Jürgen Winkler, geboren 1944 in Plauen, verheiratet, Kinder, Veredelungs-Textilingenieur und VEB-Direktor, schließlich Geschäftsführer. 1989 stieß er zum NEUEN FORUM.

 

Zum NEUEN FORUM kam ich kurz nach der ersten Demonstration am 7. Oktober. Über die Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhr ich, dass ein NEUES FORUM gegründet werden sollte. Ich besuchte Steffen Kollwitz zu Hause und sagte einfach so: „Ich will mitmachen.“ Und das ging eben auch. Niemand fragte: „Wo kommt der Mann her? Ist der Mann von der Staatssicherheit?“ Das war überhaupt kein Thema. In den ersten Tagen gingen viele Leute zu Privatwohnungen, die nur vom Hörensagen bekannt waren. Wildfremde Leute klingelten an meiner Wohnungstür und fragten: „Wie ist es? Was macht ihr?“

Bleibe im Lande und wehre dich täglich

Knut Plank, geboren 1964, aufgewachen in Jößnitz bei Plauen, verheiratet, zwei Kinder, Orchesterwatrt am Theater. In den 1980er organisierte er den Kreis Afrika, gehörte zur Wahlbeobachtungsgruppe in Plauen und arbeitete im NEUEN FORUM mit. Nach der Revolution gründete er den Vogtländischen Mieterverein und wurde Rechtsanwalt.

Ich wollte deshalb - mit einer Auffassung, die nicht mehr unbedingt staatskonform war – Mitglied der SED werden. Ich ging noch als Schüler ehrlichen Herzens zum Parteisekretär, der gleichzeitig mein Chemielehrer war, und sagte: „Herr Schmidt, ich hätte gern einen Aufnahmeantrag für die SED.“ Er guckte mich mit großen Augen an und sagte: „Also Knut, solche Leute wie Dich wollen wir in unserer Partei eigentlich nicht haben.“ Seit dieser Antwort machte ich aus meiner abweichenden Meinung keinen Hehl mehr. Ergebnis: In der Beurteilung auf meinem Zeugnis stand, dass ich politisch keinen festen Klassenstandpunkt einnehmen würde. Mit dieser Brandmarkung hatte man kaum eine Chance, irgendwo zu studieren.

Die Arbeit war für uns die zweite Familie...

Steffen Kretzschmar, geboren 1962 in Zwickau, gelernter Werkzeugmacher, beteiligte sich an der  „Initiative zur demokratischen Umgestaltung“ in Plauen, schloss sich dem Neuen Forum an, wurde als Stadtrat gewählt und arbeitet heute bei der Stadt Plauen.

Der Erfolg machte uns Mut, unter dem Namen des Aufrufs „Initiative zur demokratischen Umgestaltung“ aktiv zu bleiben. Als Gysi Plauen besuchte, klebten wir in der Nacht vorher Plakate gegen die SED-PDS. Das „Neue Deutschland“ stellte dazu fest, dass in Plauen sehr extremistische Oppositionsgruppen unterwegs seien. Das war nicht einmal ganz verkehrt. Denn wir versuchten immer, die Extreme darzustellen. Als Stefan Heym und Christa Wolf den Aufruf „Für unser Land“ publizierten und ihn die SED sofort mit einer Medienkampagne für sich vereinnahmte, sammelten wir in Plauen mehr als 13.000 Unterschriften für einen richtungweisenden Gegenentwurf, der erstmals das allmähliche Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten thematisierte.

Immer das Quäntchen Angst

Steffen Kollwitz, geboren 1964 in Plauen, verheiratet, zwei Kinder, Goldschmied. 1989 zählte er zu den Beobachtern der Kommunalwahl in Plauen, gründete den Arbeitskreis „Umdenken durch Nachdenken“ und das Neue Forum Plauen mit und ist heute aktives Mitglied der Partei „Bündnis 90 / Die Grünen“.

 

Bei der Demonstration am 7. Oktober mussten wir ein bisschen vorsichtig sein. Wir standen als Gruppe unter Verdacht, den Aufruf dazu verfasst zu haben. … Gegen 15 Uhr ging ich zusammen mit meiner Frau und einigen Freunden trotzdem ins Stadtzentrum. Im Bereich des Tunnels hatten sich viele Leute versammelt, die nicht das offizielle Volksfest zum Tag der Republik feiern wollten. Meine Frau bat mich, nicht mitten ins Geschehen hineinzustürmen. Unser Sohn war bei den Eltern zu Hause, die Riesenangst davor hatten, dass ich verhaftet werden könnte. Ich habe auch den Einsatz eines Hubschraubers und der Feuerlöschzüge gesehen. Vom Gefängnis her kamen Autos mit Hunden angefahren. Ringsherum standen Leute, die mehr oder weniger beteiligt waren. Sie waren völlig entsetzt über das, was passierte. WeitereLeute kamen dazu. Eine Freundin undihr Mann stürzten sich kurzzeitig sogar mit Kinderwagen ins Getümmel. Es war erschreckend zu sehen, dass die Polizei teilweise mit Gummiknüppeln gegen die Demonstranten vorging.

Die Idealisten machen die Revolution, dann kommen die Materialisten...

Frank Grünert, geboren 1939 in Zwickau, verheiratet, Kinder, Arzt. 1989 schloss er sich dem NEUEN FORUM an, war einer der beiden politischen Sprecher, wurde als Stadtrat gewählt und machte sich schließlich als Orthopäde selbstständig.

 

Genau am 7. Oktober kamen wir an die Grenzstation. Die Grenzer in Schönberg guckten ganz entgeistert: „Da kommt einer aus der Tschechoslowakei zurück!“ Sie begrüßten uns regelrecht mit Handschlag. In Plauen kamen wir später am „Tunnel“ in der Stadtmitte vorbei und sahen plötzlich diese Menschenmasse. Ich dachte: „Um Gottes Willen. Diese Plauener! Jetzt haben sie eine Meise. Jetzt feiern sie den 40. Jahrestag der DDR.“ Abends erfuhren wir bei Bekannten, dass es eine Demonstration war. Tags darauf kam ein junger Mann in meine Sprechstunde im Kabelwerk, der über Kopfschmerzen klagte, seit er Schläge bekommen hatte. Er erzählte, dass Einsatzkräfte aus Plauen abends auf dem Postplatz willkürlich junge Leute verhaftet hätten. Die Einsatzzentrale in Karl-Marx-Stadt hatte die Plauener gerügt, dass keine Rädelsführer aus der Demonstration am Nachmittag „zugeführt“ worden seien.

Jaromír Boháč

Jaromír Boháč absolvierte ein Studium für Ökonomie, bevor er 1968 endlich  Fächer seiner Wahl studieren konnte: Bohemistik und Germanistik. Im Mittelpunkt seiner Arbeit im Museum und im Kreisarchiv in Cheb (Eger) stand die Geschichte und Landeskunde des Egerlands. Nach 1989 gehörte er zu den Förderern der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit. 

 

Die Tschechoslowakische Staatsbürgerschaft besaßen nur meine Mutter, wegen Vater, und mein Groβvater, weil er Sozialdemokrat war. Alle anderen galten als Staatenlose. 1951 wurden plötzlich alle Deutschen eingebürgert. Ab 1962 konnte man, glaube ich, auch wieder in das nicht-sozialistische Ausland reisen. Sofort entstand eine große  Auswanderungswelle. Langsam verschwand die deutsche Welt aus der Tschechoslowakei.
Ein anderer Grund war, dass die Leute alt geworden waren. Mein Großvater war damals auch schon sechzig. Sie trafen sich jeden Sonntag in der Kneipe „U Polze Pepiho“ zum Frühschoppen. Es ging dort immer ganz lustig zu. Die deutsche Welt zeichnete diese besondere Geselligkeit aus. Mit der ersten Auswanderungswelle Anfang der sechziger Jahre fing sie an zu verblassen. Nach der letzten Welle 1969 war diese Welt verschwunden. Ich weiß es: 1975 saßen drei verlassene, alte Männer traurig am Tisch beieinander. Sie waren die letzten. Sie murmelten nur noch halbe Sätze. Der Lebensspaß, der sozial-sprachliche Kontext, war inzwischen völlig verloren gegangen. Die Welt war auf diese drei kleinen Figuren zusammengeschrumpft, die auf den Tod warteten und sich den Untergang ihrer Welt gegenseitig bestätigten.

Der erste Zivi der DDR

Harald Bretschneider, geb. 1942 – Pazifist aus Erfahrung und Glauben – Maurerlehre, Theologiestudium, freiwillige Arbeit auf Großbaustellen, Zimmermannslehre, Bausoldat, Dorfpfarrer, Landesjugendpfarrer – seit 1980 maßgeblich in Friedensarbeit der evangelischen Kirche der DDR beteiligt – u. a. Erfinder Lesezeichen/Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“– am 3./4.10. auf Dresdner Hauptbahnhof und Sammeln Namen der Zugeführten – „Verbindungsmann“ nach Leipzig und Teilnahme an entscheidender Demonstration vom 9.10. – erste Wehrdienstverweigerer in sozialem Ersatzdienst in Dresden im Nov. 1989 – Mitgestaltung Zivilgesetz der DDR 1990, nicht mehr verabschiedet

Heute bin ich glücklich, aber unzufrieden

Ulrich Patzer, geb. 1937, Dipl. Geophysiker, 3 erwachsene Kinder, verheiratet, kam 1957 zum Studium nach Leipzig. Mit Beginn der achziger Jahre war er in einer Umweltgruppe in der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund aktiv und engagiert sich bis heute für den Radverkehr in und um Leipzig.

 

Haben Sie damals daran gedacht, die DDR zu verlassen?
Es waren sehr pragmatische Gründe, die mich in der DDR gehalten haben. In den 50er Jahren habe ich gerade studiert. Da habe ich mir gesagt, jetzt machst du erst einmal das Studium fertig, denn wenn du jetzt rüber gehst, musst du Studiengebühren bezahlen, woher willst du die nehmen? Hier hatte ich mein Stipendium und mein Auskommen. Und deswegen bin ich hier geblieben. Tja und nach dem Mauerbau bin ich nicht mehr gefragt wurden, ob ich abhauen will oder nicht.
Das heißt, später wollte ich auch nicht mehr weg. In den Vorwendezeiten bin ich auch erst auf den Nikolaikirchhof gegangen, als die Rufe kamen: Wir bleiben hier. – Und nicht die Rufe: Wir wollen raus.
Das Friedensgebet und alles drum herum, das ist ja auch von denen, die abhauen wollten, instrumentalisiert wurden. Das wird ihnen ja von manchen kirchlichen Kreisen heute noch ein bisschen übel genommen – und wie ich finde, zu Recht – dass sie das benutzt haben, um auf sich aufmerksam zu machen, damit sie möglichst bald rauskommen. Ich habe mir gesagt, wenn dem Staat die Jugend wegrennt, dann hat er sowieso keine Chance mehr. Da muss sich etwas ändern und wir bleiben hier.

Seiten