Antisemitismus bei der Süddeutschen Zeitung? Die Pflege jüdischer Kultur ist keine Verkaufsstrategie

Antisemitismus bei der Süddeutschen Zeitung? Die Pflege jüdischer Kultur ist keine Verkaufsstrategie

Am 6.11.2019 erschien eine Kurzkritik von Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung über das Buch "Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jüdischen Liedes" von Uwe von Seltmann. Sie endet mit dem Satz "Der tote Jude, die tote Kultur, sie verkaufen sich gut." Autor und Verlag verlangen ein Gespräch sowie eine Einordnung der Zeitung. Mit einem offenen Brief protestieren zahlreiche jüdische Künstler*innen und Wissenschaftler*innen und solche, die sich mit jiddischer Kultur beschäftigen, gegen die nicht nur an dieser Stelle gewählte irritierende Wortwahl der Journalistin.

Mit zahlreichen Veranstaltungen informieren und diskutieren wir über Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung und Herabwürdigung von Menschengruppen. Wir wissen, wie wirkmächtig Sprache und Worte sein und wo Formulierungen dieser Art Anschluss finden können. Wir haben über Jahre Uwe von Seltmann bei seinen Recherchen zum Buch unterstützt und das Buch gemeinsam mit dem Homunculus-Verlag herausgegeben (Stellungnahme homunculus verlag). Wir haben das Buch in Sachsen präsentiert und halten einen positiven Zugang zu jüdischer Kultur der Vergangenheit und Gegenwart für unerlässlich. Daher empfinden auch wir die Kurzkritik mehr als problematisch und erklären uns solidarisch mit Uwe von Seltmann und dem folgenden offenen Brief.

 

Offener Brief an die Süddeutsche Zeitung
zur Kurzkritik „In Jiddischland“ von Eva-Elisabeth Fischer vom 6.11.2019
Uwe von Seltmanns Biographie über Mordechai Gebirtig

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Kulturschaffende befassen wir uns alle seit vielen Jahren mit Jiddischer Kultur und Sprache. Wir sind als Künstler*innen und Wissenschaftler*innen weltweit vernetzt - recherchieren, forschen und suchen nach Quellen, Zeugnissen einer 1000-jährigen Sprache, die auf das Mittelhochdeutsche zurückgeht und sich schon in den 1920er Jahren unter dem Begriff „Yiddishland“ als erste transnationale Kultur verstand und bis heute versteht.

Wir alle suchen nach neuen Interpretationen und Formen, um diese Kultur in die Zukunft zu retten.
Bis heute müssen wir uns mit entwürdigenden Klischees auseinandersetzen, gegen Stigmatisierungen wehren und werden nicht selten in unserer Kunst missverstanden. Das verstellt den Blick darauf, wie modern, kosmopolitisch, liberal die weltliche jiddische Kultur war und ist. Journalist*innen wie Eva-Elisabeth Fischer haben daran einen Anteil.

Wir sind von Ihrer Kurzkritik über Uwe von Seltmanns Gebirtig-Biographie schockiert. Mit dem Begriff „Jiddisch-Virus“, den sie Uwe von Seltmann attestiert, nutzt Frau Fischer eine Wortwahl, die an die Sprache der Nationalsozialisten erinnert. Wie können Sie als Vertreter und Macher einer seriösen Tageszeitung so eine Wortwahl gutheißen und publizieren?
Und wollen Sie damit uns alle, die wir uns dieser Sprache und Kultur verschrieben haben, als krankhaft bezeichnen?

Uwe von Seltmann ist vom Jiddischen fasziniert und hat ein exzellentes Buch über einen wichtigen modernen Dichter und Liedermacher geschrieben. Er hat mit seinen Recherchen Jiddisch und Yiddishkayt aus dem Ghetto vom romantisierenden „Shtetl-Kitsch“ befreit, das der Jiddischen Kultur bis heute zu unrecht anhaftet. Dieses Buch bietet eine gute Gelegenheit, die Sicht auf Yiddishland zu ändern und lehrt eine neue Perspektive.

Allein der Einstieg „Er mimt den munteren Animateur. Auf Jiddisch.“ - ist gehässig und abwertend.
Offenbar hat die Autorin ein Problem damit, dass Herr von Seltmann fließend Jiddisch (und Hebräisch) spricht und zudem als Protestant jüdische Themen recherchiert.

Diffamierend und in höchstem Maße verstörend ist für uns der Schlusssatz des Artikels: "Und: Der tote Jude, die tote Kultur, sie verkaufen sich gut.“ Ein solcher Satz wäre von der AfD und Björn Höcke zu erwarten. Ist es vorstellbar, dass eine professionelle Journalistin ihre Kritik über andere Minderheiten mit so einem Satz beendet?
Und sollen wir den Satz so verstehen, dass unsere professionelle Beschäftigung mit Jiddischer Kultur einer Ausbeutung gleicht?

Wäre für Sie als Schlussatz denkbar :
„Der tote Deutsche – die tote Kultur. Sie verkaufen sich gut.“ ?

Der Artikel diffamiert nicht nur die Arbeit von Uwe von Seltmann, sondern auch alle,
die wir uns für ein Korrektiv der Lesart jiddischer Kultur einsetzen. Und um es noch einmal deutlich zu sagen: Es ist eine Nischenkultur.

Uwe von Seltmann hat vier Jahre für dieses Buch recherchiert. Die Machart inklusive des Abdrucks diverser Orginalmanuskripte, Noten, handschriftlicher Aufzeichnungen, Fotos und anderer wichtiger Zeugnisse ist kostspielig und kaum kostendeckend.
Der Autor hat seine Recherchen teils selbst finanziert.

Ganz abgesehen davon verkennt dieser Satz, worum es Mordechai Gebirtig und seinen Zeitgenoss*innen ging, die sich dem Jiddischen als säkulare Jüdinnen und Juden verschrieben haben: eine bessere Form des Zusammenlebens, eine gerechtere Gesellschaft
und die radikale Erneuerung der jiddischen Sprache.

Er ignoriert darüberhinaus, was wir heute zur kulturellen Vielfalt, nicht nur in Deutschland, beitragen.
Allein der Yiddish Summer Weimar hat in diesem Jahr acht Welturaufführungen in Eigenproduktion auf die Beine gestellt – mit Künstler*innen aus der ganzen Welt.
Darunter waren Entdeckungen unveröffentlichter Werke aus Archiven: Der Fund war das Ergebnis der transnationalen Zusammenarbeit im internationalen Yiddishland.
Beteiligt waren Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus den USA, Kanada, Russland,
Groß Britannien, Moldawien, Deutschland etc.
Haben Sie davon Notiz genommen?
Statt dessen richtet Frau Fischer über ein Buch, das sie offensichtlich nicht vollständig gelesen hat.

Dem rabiaten und gefährlichen Antisemitismus, der sich überall breitmacht, wird an Gedenktagen oder etwa nach dem Terroranschlag von Halle gebetsmühlenartig mit Lippenbekenntnissen begegnet. Der Aufstieg der AfD zeigt die Ratlosigkeit von Politik und Gesellschaft.
Das vielbeschworene „Jüdische Leben“ soll angeblich wieder zu Deutschland gehören.
Wie können Sie dann so unverhohlen mit antisemitischen Klischees zündeln?

Vergangene Woche tagte nach 30 Jahren der interdisziplinäre Fachkongress „Lessons & Legacies of the Holocaust“ erstmals außerhalb von Nordamerika, nämlich in München.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu:
„Holocaust-Forscher sehen die Erinnerungskultur an die Gräuel des Nationalsozialismus in Zeiten von zunehmendem Rechtspopulismus und Antisemitismus erschwert. Wissenschaftler seien gerade in Osteuropa einem zunehmenden Druck durch Nationalisten und nationalistische Regierungen ausgesetzt, sagte Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte (IfZ).“ Bedenken bestanden im Vorfeld, diese wichtige internationale Tagung ausgerecht jetzt in Deutschland stattfinden zu lassen.
Eben diese Befürchtungen befördern Sie mit Ihrer Kritik.

Frau Fischer kann selbstverständlich Veranstaltungen kritisieren. Aber sie hat weder als Kind von Shoa-Überlebenden, noch als Journalistin öffentlich im Namen der Süddeutschen Zeitung das Recht, die Arbeit von Uwe von Seltmann zu vernichten. Damit erklären Sie auch uns mit unseren Aktivitäten für tot, der Welt Mordechai Gebirtigs und seiner Zeitgenossen in der Gegenwart künstlerisch Ausdruck zu verleihen und sie wissenschaftlich zu erforschen.

Deshalb verwahren wir uns gegen Frau Fischers Darstellung und erbitten eine angemessene Klarstellung.

Wir würden einen Dialog mit Ihnen begrüßen, um Informationsdefizite auszuräumen.

Mit freundlichen Grüßen aus Yiddishland am 14.11.2019

Stella Jürgensen, Sängerin, Sprecherin, Moderatorin, Kuratorin der Konzertreihe „Jiddische Musik im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, Gründungsmitglied des Jüdischen Salons in Hamburg - Hamburg
und Dr. Alan Bern, Musiker, Komponist, Direktor des Yiddish Summer – Berlin
Michael Alpert, musician, ethnographer, live jew, National Heritage Fellow of the United States (as yiddish musician and tradition bearer) - Scotland/USA
Daniel Kahn: Singer, Songwriter, Maxim Gorki Theater, untoter Jude - Berlin
Frank London,Trompeter, Komponist und Grammy-Gewinner - New York
Svetlana Kundish, Kantorin, Sängerin - Berlin/Israel/Ukraine
Lorin Sklamberg: singer, the Klezmatics; sound archivist, YIVO Institute for Jewish Research, New York
Karsten Troyke, Sänger, Schauspieler – Berlin
Mark Kovnatskiy, violinist, composer, lecturer, Yiddish dance teacher – Hamburg
Jake Shulman-Ment, Violinist – New York
Eleanor Reissa, Sängerin, Schauspielerin, New York
Andreas Hecht, Gitarrist, Komponist, Lehrer - Hamburg
Inge Mandos, Sängerin, Historikerin - Hamburg
Andrea Pancur, Sängerin (Deutscher Weltmusikpreis TFF Rudolstadt, Volkskulturpreis Innovation für „Alpenklezmer“) - München
Paula Teitelbaum, Yiddish teacher at YIVO Institute for Jewish Research and at the Workmen’s Circle, New York
Karolina Szymaniak, Yiddish teacher and translator, professor of Yiddish literature at the University of Wroclaw and the Jewish Historical Institute - Polen
Steven Lee Weintraub: Yiddish dance instructor, leader, and choreographer. Philadelphia, USA
Sarah Gordon: singer, educator, Brooklyn, NY
Agnieszka Wierzcholska, Historikerin, Osteuropa-Institut, Freie Universität Berlin
Irena Klepfisz, writer, New York City
Marsha Gildin, Teaching Artist, arts-in-education, New York City
Sasha Lurje, singer, vocal coach, performer - Berlin
Michael Wex, writer - Toronto/Kanada
Lisa Gutkin, composer, performer, educator NYC
Polina Shepherd, composer, performer, choir leader, educator – Russland/UK
Janina Wurbs, Historikerin und Jiddistin – Berlin/Bern
Alex Jacobowitz, Klezmer – Berlin/Jerusalem
Sean Martin, Western Historical Society – Cleveland/Ohio USA
Josh Dolgin, Socalled, Rapper – Montreal/Canada
Ulla Krah, singer in yiddish – Wuppertal
Raquel Zucker, host yiddish radio Winnipeg – Canada
Walter Zev Feldman, musician, musicologist – New York and NYU Abu Dhabi
Samuel Seifert, Geiger, Musikpädagoge, Sänger, Komponist - Leipzig
Annette Siebert, Mensch, Musikerin, Coach – Hannover
Roswitha Dasch, Sängerin, Lehrerin – Wuppertal
Sabine Döll, musician and breathing teacher (Bad Endbach/Günterod)
Joseph F.E. Reinthaler, homunculus Verlag (Erlangen)
Barbara Seppi, freie Journalistin, Sängerin (Dorsten)
Anja Günther, Klarinette, Klezmer, Musikpädagogin (Würzburg)
Tabea Wollner, Sängerin (Magdeburg)
Natalia Aleksiun, Historikerin (New York)
Stephan Stach, Historiker, Museum für die Geschichte der polnischen Juden POLIN (Warschau)
Judit Frigyesi – Wissenschaftlerin, Bar Ilan University, Department of Music (Ramat Gan/Israel)
James Loeffer, historian, University of Virginia/USA
Jonathan Boyarin, historian, Cornell Univerity/USA
Helen Beer, historian, lecturer in yiddish, UCL/London
Yitzkhok Niborski, Maison de la cultur yiddish, bibliotheque medem (Paris)

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben