Hallesche Erklärung der Freien Radios in Sachsen

Hallesche Erklärung der Freien Radios in Sachsen

Im Rahmen der Tagung "RADIO Activists - offen, unabhängig und kritisch? - Freie Radios als öffentliche Räume in Deutschland, Österreich, Ungarn und international" haben sich die drei Freien Radios aus Sachsen coloRadio, Radio T und Radio Blau auf eine Erklärung geeinigt, mit der sich  in die Koalitionsverhandlungen in Sachsen einbringen. Sie formulieren darin die Wichtigkeit der Rolle von Bürgerradios für die Demokratiebildung im Bundesland und fordern weitreichendere Unterstützung vom Land Sachsen.

Die Erklärung im Wortlaut:

„Freie Radios in Sachsen sind wichtige Stützpfeiler demokratischer Medienkultur. Sachsens Öffentlichkeit fragmentiert sich in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich. Unterschiedliche Positionen werden nicht mehr ausdiskutiert, sondern postuliert. In kleinstädtischen und ländlichen Gebieten werden demokratische Strukturen in Frage gestellt oder bürgerschaftliche Projekte bedroht. Der demografische Wandel gefährdet die Existenzbedingungen zivilgesellschaftlichen Engagements. Weder klassische Massenmedien nach dem Sender- / Empfängermodell, noch die atomisierten und unstrukturierten Online-Kommunikationskanäle sind heute noch Orte der Vermittlung. Freie Radios füllen diese Lücke.

Sachsen hat gewählt. Die beschriebene Fragmentation zeigt sich im Wahlergebnis deutlicher als je zuvor. So schwierig die Bildung einer Koalition werden wird, so stark sind die Erwartungen, die man an eine künftige sächsische Regierung stellen muss. In Bezug auf Medien wird dies sein, den nicht-kommerziellen Rundfunk endlich vollgültig als dritte Säule der Medienlandschaft anzuerkennen und bestmöglich zu unterstützen. Regionen und Generationen dürfen nicht aus dem Diskurs verlorengehen.

Freie Radios tragen ein erhebliches Potential zum Community Building in sich. Sie sind Austragungs- und Umschlagplätze demokratischer Selbstverständigungsprozesse. Man kann sie schwer mit herkömmlichen Massenmedien vergleichen. Das liegt auch an den eigenen Versuchen der Auflösung der Differenz zwischen Sender und Empfänger. Gegen neue soziale Medien setzen sich Freie Radios ab, indem sie weiter einen Schwerpunkt auf redaktionelle Arbeit, Inklusion, Berücksichtigung von Minderheiten und lineare Verbreitung sowie face to face Kommunikation setzen. Hier passiert das, was Demokratie ausmacht. Hier kommen Menschen mit unterschiedlichen Positionen miteinander ins Gespräch. Radio Blau, Radio T und coloRadio verfügen über eine gute Anbindung an Politik, Kultur und zivilgesellschaftliche Akteure ihrer jeweiligen Städte und Regionen. Sie haben sich in knapp drei Jahrzehnten eine Stammhörer*innenschaft erarbeitet. Die Radios bündeln Energien und Erfahrungen, die geeignet sind, neue Akteur*innen und Regionen zu integrieren.

Wir empfehlen den Koalitionären mithin folgende Schwerpunkte ins Regierungsprogramm aufzunehmen, um die lokale, nicht-kommerzielle Rundfunklandschaft weiter zu entwickeln:

1.) Bereitstellung der Lizenzgrundlagen und Mittel für Personal und Technik für die Erweiterung der Sendezeit auf 24/7 sowie der Einbindung regionaler Akteur*innen, Redakteur*innen und Radioinitiativen in ganz Sachsen.

2.) Bereitstellung der Mittel für Personal und Technik für die Verbesserung der Möglichkeit des zeitversetzten Hörens von medialem Content der Freien Radios (Podcasting).

3.) Bereitstellung eines landesweiten Multiplex-Zugangs auf DAB+ für ein Gemeinschaftsprogramm der Freien Radios Radio Blau, Radio T und coloRadio.

Unterzeichnende:

Sandra Geczi, Torsten Rudolph, Daniel Ott, Jörg Braune (Radio T),
Anja Thümmler, Lutz Helm, Hilmar Neuroth, Klaus Scheewe, Cornelius Häschel (Radio Blau)
Max Franke, Roman Kalex, Jens Steiner (coloRadio)

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