Die wohnräumliche Dimension sozialer Ungleichheit

Die wohnräumliche Dimension sozialer Ungleichheit

Die Humangeografin Elisa Gerbsch (Leipzig) hielt auf der Konferenz (L)OST IN TRANSFORMATION (4./5.10.2019) junger Leipziger Wissenschaftler*innen einen Vortrag über "Die Wohnungsfrage(n) in Ostdeutschland zwischen sozialer Ungleichheit und politischem Autoritarismus". Die untenstehende Zusammenfassung dokumentiert kurz, worum es in ihrem Vortrag ging:

Der Vortrag beschäftigt sich mit der Wohnungsfrage in ostdeutschen Städten. Im Zentrum des Vortrages bildet die Fragestellung, wo und für wen die wohnräumliche Dimension sozialer Ungleichheit eine besondere Relevanz erfährt. Um langfristige Entwicklungen von Gesellschaft und Raum in Ostdeutschland nachvollziehbar zu machen, geht der Vortrag zunächst auf die vier Phasen der Wohnungsfrage ein.
Die erste Phase skizziert die klassische Wohnungsfrage bzw. den Mangel an bezahlbarem und bewohnbarem Wohnraum für einkommensschwache Teile der Bevölkerung als ein Phänomen, welches erstmals im 19. Jahrhundert in ostdeutschen Städten auftrat. Die zweite Phase macht deutlich, dass auch in der DDR die vollständige Beseitigung der sozialen Segregation aufgrund von Misswirtschaft und ideologischen Privilegierungen bzw. Ausschlüssen ein unerreichtes Ziel blieb. Die dritte Phase beschreibt die Konsolidierung eines Wohnungsmarktes nach westdeutschen Standards und Gesetzeslagen. In dieser Phase sahen sich die Mieter*innen ostdeutscher Städte einem regelrechten Angebotsüberschuss gegenüber, der ihnen ein Wohnen nach soziokulturellen Präferenzen ermöglichte. In der vierten Phase, der Gegenwart, wird jedoch deutlich, dass die in den 1990er Jahren angelegten und forcierten sozioökonomischen Schieflagen (z.B. der Ausverkauf von Wohneigentum an westdeutsche Privateigentümer*innen und Gesellschaften) wieder aufbrechen.
Der Vortrag veranschaulicht im Anschluss, wie der ausbeuterische Umgang mit dem ehemaligen staatlichen Wohneigentum der DDR im Verbund mit einem gegenwärtigen Rückbau des Wohlfahrtsstaates mitsamt seiner sozialen Absicherungen die Rückkehr der Wohnungsfrage in die ostdeutschen Städte verantworten. Schließlich wird deutlich, dass die soziale Ungleichheit für einen Großteil der ostdeutschen Stadtbewohner*innen und insbesondere in innerstädtischen Altbauquartieren auch eine wohnräumliche Dimension erfährt.

 

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