Das Problem Plastik

Das Problem Plastik

Plastikmüll ist nicht nur ein Problem sterbender Meerestiere, verschmutzter Urlaubsparadiese oder armer Länder. Plastikmüll ist unser eigenes tägliches Problem, weil Energie und Ressourcen verschwendet werden, weil unsere Gesundheit gefährdet wird, weil Plastikproduktion und -müll ein Teil der Klimakrise sind.

Tod durch Plastiktüten

Der Wal war völlig dehydriert und spuckte Blut, bevor er an der philippinischen Küste verendete. Das Tier sei regelrecht verhungert, weil der ganze Müll seinen Magen gefüllt habe, sagte Darrell Blatchley vom D’Bone Collector Museum in Davao, das den toten Wal untersucht hatte. Ein Wissenschaftler fand mehr als 40 Kilogramm Plastikmüll im Magen des Wals – ein trauriger Rekord aus dem März 2019.

Sind wir mitverantwortlich?

Greenpeace veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung der Müllentsorgung in Vietnam, Thailand und Malaysia: Nicht nur mit dem eigenen Müll sind diese Länder heillos überfordert. Sie importieren auch noch Müll aus Deutschland und anderen Wohlstandsstaaten. Ein Plastikdeckel »Mibell – der Brotaufstrich für die ganze Familie« wurde auf südostasiatischen Müllkippen genauso gefunden wie die Plastiktüten ominöser Nahrungsmittel GmbHs.

Der Schnabelwal ist kein Einzelfall: Delfine, Seelöwen, Schildkröten, Robben verenden elendig, weil sie Plastik fressen oder sich darin verheddern. Jährlich krepieren eine Million Seevögel am Zivilisationsmüll. Fisch ist heute oft durch Mikroplastik belastet, ganze Korallenriffe werden durch Plastik zerstört. Plastik findet sich in Miesmuscheln, Wattwürmern, Flusskrebsen.

Jede Minute landet eine Tonne Plastik in den Ozeanen. Im Pazifik bedeckt ein Plastikstrudel vor Hawaii die Fläche von rund 1,6 Millionen Quadratkilometern – Deutschland würde viermal hineinpassen. Solche Müllstrudel haben sich auch in der Saragossasee, im Indischen Ozean, im Südatlantik und im Südpazifik gebildet.

Unser täglich Müll

Beim Müllproblem geht es nicht um Plastiktüten oder um die Ozeane. Zumindest nicht nur: Am Müll zeigt sich allgemein, wie unbedacht unser Umgang mit Ressourcen ist. Sei es Erdöl, Aluminium, Holz und Co, aus denen der Joghurtbecher, die Erbsendose oder die Papiertüte hergestellt werden: Es geht grundsätzlich darum, wie wir mit den Reserven des Planeten und den Chancen kommender Generationen umgehen.

Im Jahr 2017 verursachten die Haushalte in Deutschland nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes 38,3 Millionen Tonnen Abfälle – 0,2 Millionen Tonnen mehr als 2016. Statistisch gesehen ist damit jede*r Deutsche für 462 Kilogramm Hausmüll im Jahr verantwortlich: Das sind 1,27 Kilogramm pro Tag. Knapp die Hälfte davon ist Verpackungsmüll, ein Spitzenwert in Europa.

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Fünf Tonnen Müll pro Kopf und Jahr

Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit. Hausmüll, Fachdeutsch »Siedlungsabfall«, macht nur 13 Prozent des bundesdeutschen Müllbergs aus. Den größten Abfallberg verursacht die Bauwirtschaft, die jährlich mehr als 222 Millionen Tonnen Abfall hinterlässt – aus dem Abbruch alter Autobahnen genauso wie von den Verpackungen der Baumaterialien, aus denen unsere Häuser entstehen.

Auf Platz zwei kommen die Abfälle aus der Produktion: 55 Millionen Tonnen Müll, der bei der Herstellung von Konsumgütern anfällt, zum Beispiel Reifefolien aus der Käse-Produktion, Verbrennungsaschen oder Bleichlaugen. Platz Nummer drei in der bundesdeutschen Müllstatistik geht an »Sekundärabfälle«: Das sind Rückstände aus Abwasserbehandlungsanlagen, Abfälle aus der Sanierung von Böden und jene Reste, die bei den Müllverbrennungsanlagen übrig bleiben.

Was die Müllabfuhr aus den Haushalten abholt, landet nur auf Rang vier. Insgesamt verursacht Deutschland 412 Millionen Tonnen Müll im Jahr. Statistisch gesehen ist damit jede*r Deutsche für fünf Tonnen Müll im Jahr verantwortlich!

Die große Entsorgungsillusion

Sicher hört Ihr oft den Einwand: »Aber wir trennen unseren Müll doch immer ganz vorschriftsmäßig.« Das ändert leider wenig am Problem – aus drei Gründen: Erstens muss man den Ressourcenverbrauch der Plastiktüte oder der abgelegten Jeans einbeziehen, bevor sie überhaupt zu Müll werden. Denn bei der Produktion werden große Mengen an Energie, Wasser und Rohstoffen verbraucht. Mit unserem wachsenden Konsum steigern wir den Ressourcenverbrauch mit all seinen sich verschärfenden Konsequenzen.

Zweitens funktioniert das Recyclen hierzulande nicht ansatzweise so, wie uns allgemein suggeriert wird. Die tatsächliche Recyclingquote liegt nach Berechnungen der »Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft« nur zwischen 38 und 40 Prozent. 16 Das bedeutet: Mehr als 60 Prozent des von uns fein säuberlich sortierten Mülls werden nicht wiederverwendet, sondern bestenfalls verbrannt.

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Aus Müll wird »Wertstoff«

Wobei selbst diese »40 Prozent Recyclingquote« sehr optimistisch sein dürften: Die Grünen im Bundestag kommen in ihren Berechnungen nur auf 17,3 Prozent des Plastikabfalls, der in Deutschland tatsächlich wiederverwertet wird. Der Rest wird verfeuert – was Klimagifte und Schadstoffe freisetzt – oder als »Wertstoff« in die Welt exportiert.

Heute heißt die Mülltonne ja »Wertstofftonne«. Das klingt so, als würde unser Konsum nicht etwa Müll produzieren, sondern im Gegenteil wertvolle Stoffe erzeugen, die man auf dem Weltmarkt verkaufen könnte. Tatsächlich landen die »Wertstoffe« dann zum Beispiel in Accra, der Hauptstadt Ghanas, wo Kinder und Jugendliche ausgediente Fernseher oder Computergehäuse aus Europa verbrennen und dabei ihre Gesundheit ruinieren, um an verwertbares Edelmetall zu kommen.

China dagegen hat Anfang 2018 den Müllimport gestoppt. Bis dahin war das Land größter Abnehmer deutschen Verpackungsmülls. Mutmaßlich produziert das 1,3-Milliarden-Volk inzwischen genug eigenen Plastikmüll, als dass es noch Importe aus Europa aufnehmen wollte. Seitdem suchen die EU-Staaten händeringend eine neue Lösung des Verpackungsmüllproblems.

Drittens haben wir uns eingerichtet in der Recycling-Illusion: Kein noch so guter Wiederaufbereitungsprozess kann 100 Prozent des eingesetzten Rohstoffs zurückgewinnen, nicht einmal bei Gold. Auch wenn man eine – technisch höchst anspruchsvolle – Rückführquote von 75 Prozent zugrunde legt, sind bereits nach 15 Durchläufen 99 Prozent der Ausgangsmasse verschwunden.

Downcycling statt Recycling

Joghurtbecher zu Joghurtbecher – das ursprüngliche Ziel der Verwertung von Kunststoffabfällen liegt darin, das Plastik in seiner ursprünglichen Qualität wiederzugewinnen. Soweit die Theorie, doch in der Praxis sieht das leider anders aus: Es gibt keine Joghurtbecher, die aus ehemaligen Joghurtbechern hergestellt werden.

Da die chemische Zusammensetzung der Plastikbecher viel zu unrein ist, können sie technisch gar nicht aus den eingesammelten Bechern wiedergewonnen werden. Verbreitet ist deswegen das so genannte »Downcycling«: Aus höherwertigem Plastik entsteht im Recylcingprozess ein Material von geringerer Qualität und Funktionalität. Einweg-Plastikflaschen werden nur höchst selten zu neuen Einwegflaschen.

Vom Wertstoff zum »Wenigerwertstoff«

Einweg-Plastikflaschen bestehen in der Regel aus PET. Die Abkürzung steht für Polyethylenterephthalat und benennt einen Kunststoff aus der Gruppe der thermoplastischen Polyester. Aus solchem Material sind beispielsweise auch Frosch-Glasreiniger-Flaschen, die Plastiknäpfe im Supermarkt oder IKEA-Teppiche. 

PET ist ein Kunststoff, dessen Moleküle aus langen chemischen Ketten bestehen. Die Wiederaufbereitung des Materials spaltet diese in der Regel in kürzere chemische Ketten auf, die Qualität des Rohstoffs wird dadurch reduziert. Unser Gelbe-Tonne-/Gelber-Sack-System hat also zur Folge, dass hochwertige Plastikwertstoffe in niedrigwertigere umgewandelt werden. Damit ist Deutschland leider nicht Recycling-Weltmeister, sondern Verschlechterungsweltmeister – wenn das Material denn wirklich einmal dem Aufbereitungsprozess zugeführt wird.

Das mikroskopische Problem

Dass Wale, Meeresschildkröten und Korallenriffe an Plastikmüll sterben, ist gar nicht das einzige Problem. Längst vergiften wir uns nämlich selbst. Die Gefahr nennt sich Mikroplastik: kleinste, oft mit dem Auge nicht wahrnehmbare Plastikpartikel. Nach Erhebung des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik gelangen allein in Deutschland pro Jahr 330.000 Tonnen dieser winzigen Kunststoffteilchen in die Umwelt.

Während Makroplastik dem Klima zusetzt, unseren Ressourcenverbrauch anheizt und die Welt verdreckt, wird Mikroplastik zunehmend zur Bedrohung. Es entsteht durch Abrieb, etwa beim Waschen von synthetischen Textilien, aus dem Abrieb von Autoreifen oder durch Wettereinflüsse an Gebäudefassaden.

Sogar unsere Schuhsohlen verursachen solche Kleinstpartikel, die dann durch den Regen in die Flüsse gelangen und später auf unseren Tisch. In manchem Mineralwasser hat die Stiftung Warentest mehr als 100 Teile Mikroplastik je Liter nachgewiesen. Sogar im Trinkwasser aus der Leitung findet sich Mikroplastik, freigesetzt etwa über Klärschlämme in der Landwirtschaft.

Aber das ist nur der eine Weg, über den sich Mikroplastik in unserem Organismus anreichert: Das Plastik, das im Ozeanwasser schwimmt, zersetzt sich unter Sonneneinstrahlung in kleinste Plastikteile und gelangt so in unsere Nahrungskette. Wer Fisch isst, nimmt damit Mikroplastik zu sich. Das tut auch der Regenwurm, der die Reste des lachsfressenden Bären zersetzt, oder das Suppenhuhn, das den Regenwurm vertilgt.

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Mikroplastik ist überall

Ob Nudeln oder Brot, ob Eintopf oder Kuchen – mit jeder Mahlzeit nehmen wir einer Studie der Heriot Watt Universität in Edinburgh zufolge mehr als 100 Mikroplastikpartikel zu uns. Noch ist die Wissenschaft nicht aussagefähig, was das konkret für unsere Gesundheit bedeutet (bestimmten Kosmetika wird Mikoplastik sogar bewusst hinzugegeben).

Allerdings konnten Forscher nachweisen, dass die winzigen Plastikteilchen bei Meerestieren zu Leber- und Zellschäden führen. Außerdem hat man festgestellt, dass Mikroplasik vom Magen in andere Organe, in das Lymphsystem (Immunsystem) wie auch in die Blutbahn wandert. Warum sollte das beim Menschen anders sein?

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