Versorgungszentrum - Der NSU in Chemnitz, eine Dokumentation

Urheber: Susanne Keichel. All rights reserved.

Wir waren gemeinsam konkret und vor Ort und haben an Interventionen gearbeitet, die Fakten, Wut, Trauer und Empathie mit den Opfern in den öffentlichen Raum tragen. Das Neue an diesem Akteur-Slot ist, dass die Diskussionen nicht mittels Worten und Papier geführt wurden, sondern über künstlerische Interventionen am Ort von Verbrechen und Strukturen des NSU. Ziel ist, den Finger in die Wunde zu legen und etwas zu hinterlassen. Geleitet wurde der Workshop von den Künstlerinnen Stefanie Busch und Susanne Keichelt. Beide arbeiten künstlerisch zu gesellschaftpolitischen Themen und verbinden aktuelle Fragen mit künstlerischen Methoden.

Enstanden ist eine Fotoserie und folgender Text

„Dort hinter dem Plattenbau ist das Versorgungszentrum“
(Dominique, der Stadtforscher am 6. November 2016)

Wikipedia: Versorgungszentren im Heckert-Gebiet

VZ Max-Türpe-Straße mit Restaurant „Südblick“
VZ Robert-Siewert-Straße mit „Treffpunkt Kulturhaus Markersdorf“
VZ Paul-Bertz-Straße mit „Kulturzentrum Fritz-Heckert“ und Restaurant „Südring“ (2012 abgebrochen)
VZ Alfred-Neubert-Straße mit Restaurant „Baikal“
VZ Kappel, Stollberger Str.

VERSORGUNGZENTRUM ist das Wort, auf das wir auf dem Stadtplan während der Führung zu Geschichte und Verbrechen des selbsternannte NSU durch das Fritz-Heckert Gebiet stoßen. Die Chemnitzer führen dieses Wort ganz selbstverständlich im Mund. Die Dresdner kennen das nicht. Mit jeder Station der Führung wird das Verbrechen und der Alltag des NSU und ihrer Unterstützer deutlicher. Alltag heißt Normalität, nicht Auffallen, nicht exklusiv sein. 
Wir stoßen auf das VERSORGUNGZENTRUM Max-Türpe-Straße. Dort spielte der NSU an Automaten. Langweile und Alltag. Das Gebäude ist schon geschröpft – post-sozialistisch wie das ganze Viertel. Die gepflegten Gebäude gehen in den Zustand des ungepflegten über. Es sorgt sich niemand um sie. Dieses Klima ist optimal: Alltagsrassismus, Gewalt, Durcheinander, „ich habe selbst mit mir zu tun“.

Station um Station wird deutlicher, dass dieses Viertel mit dem EDEKA, dem ersten Raubüberfall, den Nazi WGs, der rechten Hegemonie, der Gewalt gegen Linke und Migrant*innen, den Nachbar*innen, die alles sehen doch keinen Rassismus, das Versorgungszentrum des NSU war und ist.

Wir gehen weiter und planen!

Es gibt hier keine Relikte der Opfer, der Ermordeten und Überlebten des Terrors, wir stehen hier vor den Alltagsrelikten des NSU.
Dieses Umfeld hat die Morde möglich gemacht. Einige aktiv als Unterstützer durch Anmietung von Wohnungen, durch Konzerte, durch die Möglichkeit, ganz alltäglich ein Bier trinken zu gehen oder zu spielen. Andere durch das Wegschauen oder Akzeptieren einer rechten und rassistischen Alltagskultur. Die Spuckis auf der Tour können ein Lied davon singen. Mülltonnen, die abgesperrt sind, hier ist alles sauber. Aber der rassistische oder sexistische Aufkleber irritiert bis heute nicht im Versorgungszentrum.

Aber wir fallen auf. IRRITATION. Da spazieren Leute mit Hosen in die Socken gesteckt durch unser Viertel. Ein böser Blick. Kein Alltag für uns denkbar. Na dann machen wir eben das Versorgungszentrum deutlich. Mit Gaffa-Tape schreiben wir das in großen Lettern an die Verschläge vor den Fenstern des ehemaligen Versorgungszentrums. Wir haben große, über 3 Meter lange Holzlatten mit uns.

Wir lassen sie fallen: hintereinander, übereinander, nebeneinander. Ein Netzwerk entsteht...das Netzwerk des NSU. Wir verbauen den Eingang zum Versorgungszentrum. Wir verperren die Sicht. Aus anderen Latten wird eine Schutzhütte. Wieder andere richten wir verteidigend den Stummen entgegen.

Kleine Gesten als Annäherung an diesen doch bösen Ort.

/// Mit Inputs von:
Kathrin Krahl, Weiterdenken – HBS Sachsen: Erinnerungskultur als streitbarer Begriff - Wie Täterschaft erinnen?
Jane Viola Felber, Kulturbüro Sachsen e. V. & Dominik Intelmann, Stadtsoziologe: Chemnitz und der NSU-Komplex - eine Stadtführung

Susanne Keichel lebt und arbeitet als Künstlerin in Dresden und Leipzig. Sie ist Meisterschülerabsolventin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In ihren fotografischen Arbeiten formuliert sie häufig eine künstlerische Haltung in Bezug zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Auf der 56. Venedig-Biennale 2015 wurde ihre Arbeit „Fluchtlinien“ in der Ausstellung „Dispossession“ als Teil des offiziellen Rahmenprogramms ausgestellt. Die Arbeit schließt thematisch an die Arbeit ✻7.Oktober 1977, Alexandria; ✝ 1.Juli 2009, Dresden (ein Kommentar) an. In der Arbeit beschäftigt sie sich mit dem rassistischen Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini 2009 im Landgericht Dresden.

Stefanie Busch studierte Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Ihre Arbeiten sind eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen. Die Motive entnimmt sie dem subjektivem Bildarchiv, welches sie auf zahlreichen Reisen ins ehemalige Jugoslawien, in die USA oder Osteuropa fotografierte. Stefanie Busch zeigt ihre künstlerischen Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen.

Das ganze Theatertreffen "Unentdeckte Nachbarn": http://unentdeckte-nachbarn.de/

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