(UN)SICHTBAR #4 Von der Kolonialausstellung zum Menschenzoo

(UN)SICHTBAR #4 Von der Kolonialausstellung zum Menschenzoo

Urheber/in: Unbekannter Fotograf, Dr. Ernst Sarfert und der erste Offizier Wilhelm Lorenzen mit einheimischen Frauen auf einem Kanu, Palau, Hamburger Südsee-Expedition 1908–1910. Creator: GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig.. All rights reserved.

In dieser Veranstaltung geht es um Ursprünge der stereotypen Bilder, die in der Folge von Völkerschauen und der Literatur beispielsweise Karl Mays bis heute wirkmächtig sind. Fast 100 Gäste folgten dem Aufzeigen der Ursprünge und Inszenierungen von rassifizierten Bildern. Die Veranstaltung ging allerdings nicht so weit, die Themen aus der Blickrichtung einer postkolonialen Perspektive zu betrachten oder die Beispiele grundlegend in die damaligen kolonialen Machtverhältnisse und deren Legitimierung einzubetten.

Die Ausführungen von Frau Thode-Aurora und Herrn Leipold werden ergänzt durch einen spontanen Beitrag von Nanette Snoep aus dem Publikum, die in Bezug auf die von ihr kuratierte Ausstellung „Die Erfindung der Wilden“ 2011 im Musée du Quai Branly in Paris von der Komplexität und den Schwierigkeiten bei der Behandlung des Themas der Völkerschauen spricht.

Frau Dr. Hilke Thode-Aurora, die seit dem Erscheinen ihres Buches „Für fünfzig Pfennig um die Welt: die Hagenbeckschen Völkerschauen“ 1989 zu dem Thema der Völkerschauen forscht und publiziert konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die Samoa-Schauen der Gebrüder Marquardt.
Nachdem sie die historischen Völkerschauen um die Jahrhundertwende als Genre der Unterhaltungsindustrie vorstellt, legt sie in ihrem Input den Schwerpunkt auf die mediale Inszenierung und Vervielfältigung stereotyper Bilder und betont die Agency der beteiligten Samoaner_innen als eigenständige Akteure dabei. Der Aufbau dieser Schauen, die auf Exotik, Erotik und dem Darstellen von Fremden und Fremdem basieren, führte idealtypisch von einer friedlichen Dorfszene, über einen dramatischen Höhepunkt (z.B. einen Frauenraub mit Kampfszene) zu einem HappyEnd. Das heran strömende Millionenpublikum, sowie die Vermarktung mit Postern, Postkarten und Fotografien trugen zur Verbreitung und ständigen Wiederholung von Stereotypen und ethnischen Markierungen bei, die bis heute weitergetragen werden. So stellen beispielsweise die erotischen Rüschen-Kostüme der Samoa-Schauen reine Phantasiegebilde dar, die fortan aber immer wieder verwendet wurden um „authentische „Samoanerinnen“ darzustellen.
Die junge Disziplin der Ethnologie profitierte von Schauen und führte beispielsweise physische Messungen an Teilnehmer_innen vor. Die Objekte und Sammlungen, die mitgeführt wurden, kamen häufig im Anschluss in ethnologische Museen. Heutige Fernreisen und Reiseangebote führen die Vermarktung und den Konsum anderer fremder Kulturen z.T. mit sehr ähnlichen Mustern fort.
Frau Hilke Thode-Aurora erzählt, wie sie während ihrer Forschungen in Samoa ihre eigenen Vorstellungen der Samoaner_innen als reine Opfer der Schauen revidieren musste. Die Nachfahren zeichneten das Bild von damals z.T. hoch angesehenen strategisch denkenden Würdenträgern, oftmals aus Herrscherfamilien, die „sehr genau wussten, auf was sie sich einließen“ und in Kontakt zu den Daheimgebliebenen standen. So wurden die Völkerschauen auch als traditionelle samoanische Besuchsreise verstanden um diplomatische Beziehungen zu knüpfen. Das die Teilnehmenden der Völkerschauen als eigenständige Akteure zu betrachten sind, die Einfluß nahmen, zeigt das Beispiel des samoanischen politischen Oberhaupts Tupua Tamasese Lealofi I., der dem deutschen Gouverneur ein Dorn im Auge war. Durch das Vortäuschen falscher Tatsachen gelang es ihm, diesen 1910 auf eine Völkerschau außer Landes zu schaffen. Tamasese merkte aber schnell, dass dies eben keine angekündigte diplomatische Besuchsreise war. Er handelte schnell und nahm über verschiedene Kontakte Einfluss auf die Schau, so dass es ihm auch möglich wurde politische Reden zu halten und den Kaiser zu besuchen.

Robin Leipold als Kurator des Karl May Museums legt in seinem Input den Schwerpunkt darauf, dass ähnlich wie die „Völkerschauen“ auch die Literatur zur Verbreitung von Stereotypen beigetragen hat. Karl May war dabei kein Erfinder der Wild-West-Literatur, hat aber wesentlich zu deren Popularisierung im deutschsprachigen Raum beigetragen. Für ihn als Sohn einer armen Weberfamilie, hatte die Abenteuerliteratur seiner Jugend oder während seiner Gefängnisaufenthalte die Funktion, dem kargen Alltagsleben zu entfliehen. Sein späteres Werk und das darin erschaffene stereotype und romantische Bild des „Indianers“ - beispielsweise mit seiner Figur des „Winnetou“ - waren besonders geprägt durch u.A. George Catlin sowie dem „Waldläufer“ des Franzosen Gabriel Ferry.
Die Begründung des Karl-May Museums geht zurück auf Karl Mays Frau Klara May, die das Museum „zu Ehren ihres Mannes“ und zu Präsentationszwecken seiner Werke gegründet hat. Der Artist und Sammler Patti Frank als Kurator erzählte den Besucher_innen am Lagerfeuer Geschichten und „zelebrierte die Cowboy und Wildwestkultur“. Schon im Gründungsjahr des Museums wurde eine „Indianer-Huldigung“ am Grab von Karl May inszeniert. Abgeordnete des Zirkus Sarasani machten eine Prozession und hielten vorgeschriebene Reden, die Karl May glorifizierten.
So sei das Museum in Radebeul zum Mittelpunkt einer Bewegung von Wildwestfans und „Indianerbegeisterten“ geworden, die nach dem Lesen Karl von Mays Bücher () auch im Museum eine bunte „Indianerwelt“ vorfanden. Bis heute werden diese Bilder dort weitergetragen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion ging es darum, wie das Karl-May-Museum auf Skalp-Rückforderungen des Repatriierungsbeauftragten eines Tribes der Chippewa Indians reagierte und welche Debatten dies auslöste. Wie ein würdevoller Umgang mit Nachfahren der ehemals Kolonisierten aussehen könne, beantwortet Frau Thode-Aurora anhand der angelegten Maßstäbe für ihre Samoa-Völkerschau-Ausstellung.

Auf die Frage, was bei der heutigen Thematisierung beispielsweise der Völkerschauen zu beachten sei, um nicht die Stereotype einfach weiter zu führen und einen rassistischen Blick zu brechen, antwortet die Direktorin des Grassi-Museums Nanette Snoep spontan aus dem Publikum.
Sie selbst hat 2011 im Musée du Quai Branly in Paris die Ausstellung „L'invention du sauvage“ („Die Erfindung der Wilden“) kuratiert, die über die Geschichte des Zur-Schau-Stellens und Darstellens von rassifiziert Anderen seit dem 16. Jahrhundert in u.A.Völkerschauen, Zoos, Kabaretts und im Zirkus erzählte.
Dabei stellt sie die Samoa-Schauen als gutes Beispiel neben unzähligen anderen in einen breiteren Kontext und plädiert dabei für das Aufzeigen der Vielschichtigkeit und Komplexität des Themas. Einige Kolonisierte seien gegen ihren eigenen Willen zur Schau gestellt worden und z.T. nicht einmal ausreichend mit Lebensmitteln versorgt worden. Die Schwierigkeit bei Ausstellungen über solche Themen ist es, dass der Bestand von tausenden Bildern, Plakaten und Photographien nicht wieder und wieder auf die selbe Art und Weise gezeigt wird. In ihrer Pariser Ausstellung haben sie daher den Versuch unternommen, die Namen und Biographien der Personen zu erzählen, die darauf ent-individualisiert wurden.
Wichtig sei auch über die heutigen Spuren zu sprechen, im Tourismus, aber auch in Museen, wie hier im Grassi Museum. Ein kritischer Blick und ein Bewusstsein für die Geschichte der Inszenierung von Fremden/m ist nötig, wenn beispielsweise, wie im Leipziger Zoo, kleine exotische Spektakel veranstaltet werden. So gehe es auch darum, selbst zu hinterfragen, warum man bestimmte stereotype Bilder so schön findet.

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