Die Arbeit war für uns die zweite Familie...

Die Arbeit war für uns die zweite Familie...

 

Steffen Kretzschmar, geboren 1962 in Zwickau, gelernter Werkzeugmacher, beteiligte sich an der  „Initiative zur demokratischen Umgestaltung“ in Plauen, schloss sich dem Neuen Forum an, wurde als Stadtrat gewählt und arbeitet heute bei der Stadt Plauen.

 

Das Porträt schrieb der Journalist Pit Fiedler auf der Grundlage von Oral-History Interviews.

Das komplette Porträt ist in dem Buch „Bürgermut macht Politik. 1989/90 – Neues Forum Plauen. Bürgerforum Cheb“ (Eckhard Bodner Verlag) nachzulesen.

 

Ich wurde 1962 in Zwickau geboren und bin in einem sehr liebevollen Elternhaus aufgewachsen. Meine Eltern haben mir einfache Regeln mit auf den Weg gegeben: Mause nicht. Schwindle nicht. Habe keinen Ärger mit der Polizei usw. Einfache Regeln sind immer die besten.
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Politik berührte mich in meiner Kindheit noch kaum. Ich war im Kindergarten und bis 1978 in der Schule, war bei den Jungen Pionieren, den Thälmann-Pionierenund schließlich in der FDJ. Beschäftigt hat mich aber mit sechzehn Jahren, dass mein Vater MfS-Leute, die mich zu Hause zum Beitritt bewegen wollten, wegschickte. Ich schaute zu den Menschen auf, die in den DDR-James-Bond-Filmen für den Staat tätig waren. Er sagte zu den Herren in Zivil: „Meinen Sohn kriegt ihr nicht!“ und zu mir: „Du gehst anderthalb Jahre zur Armee, länger nicht.“ Er hatte bei der Kasernierten Volkspolizei wohl viel Unangenehmes erlebt.

Die andere Seite der Medaille ging mir erst auf, als ich in der Elgawa meine Lehre als Werkzeugmacher begann. Die späteren Arbeitskollegen in meiner Brigade machten in meiner Gegenwart kein Geheimnis aus ihren Meinungen. Ich stand als Lehrling noch ein bisschen abseits und hörte den tagelangen, teilweise recht kontrovers geführten Diskussionen, während die Maschinen gelaufen sind, zu. Ich dachte: „Hier schlägt spätestens in vierzehn Tagen eine Bombe ein.“ Und nichts ist passiert. Die Leute sind abends heimgegangen und am nächsten Morgen ging es weiter, jahrein jahraus, wie in einer richtigen Familie.
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Die politische Lage spitzte sich zu. Die Diskussionen wurden konkreter. Für viele galt nichts  mehr für ewig fest geschrieben, auch die Mauer und der Stacheldraht nicht. Die ersten Bekannten und Kollegen beantragten Ihre Ausreise.

Im Frühjahr 1989 kam die Kommunalwahl, und ich musste erneut für drei Monate zum Reservedienst einrücken. Vorher ging ich aber noch zum Wählen ins Sonderwahllokal im Rathaus. Ich frage den Pförtner, ob es drinnen Lineal und Stift geben würde. Er sagte, dass ich für mein Kreuzchen kein Lineal bräuchte. Ich sagte, zum Durchstreichen schon. Es solle ja ordentlich aussehen. Du musstest alle Kandidaten einzeln durchstreichen, um sicher zu gehen.

Nach zwei Wochen konnte ich zum Glück wieder nach Hause gehen zur Kleinkinderpflege. Meine damalige Frau hatte sich das Handgelenk gebrochen. Später erzählte mir ein Leidensgenosse, wie es in der NVA-Einheit zuging als ich fort war. Man hätte nur noch im Dreck gelegen. Man wollte mit aller Gewalt etwas zusammenhalten, wozu keiner mehr Lust hatte.

Die entscheidende Aktion ging dann von Jörg Schneider aus. Alle Ehre dem, der den Mut hatte, allein zu der Demonstration am 7. Oktober aufzurufen. Er hatte die Schnauze, auf gut Deutsch gesagt, nach seinem Grundwehrdienst bei den Grenztruppen gestrichen voll, wollte aber auch nicht weg in den Westen. Die Plauener brauchten ihrerseits noch nicht einmal eine Person als Anführer, sondern nur den auf Handzetteln verteilten Aufruf „Kommt alle!“. Und sie waren da. 

Der Erfolg machte uns Mut, unter dem Namen des Aufrufs „Initiative zur demokratischen Umgestaltung“ aktiv zu bleiben. Als Gysi Plauen besuchte, klebten wir in der Nacht vorher Plakate gegen die SED-PDS. Das „Neue Deutschland“ stellte dazu fest, dass in Plauen sehr extremistische Oppositionsgruppen unterwegs seien. Das war nicht einmal ganz verkehrt. Denn wir versuchten immer, die Extreme darzustellen. Als Stefan Heym und Christa Wolf den Aufruf „Für unser Land“ publizierten und ihn die SED sofort mit einer Medienkampagne für sich vereinnahmte, sammelten wir in Plauen mehr als 13.000 Unterschriften für einen richtungweisenden Gegenentwurf, der erstmals das allmähliche Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten thematisierte.

Mit dem NEUEN FORUM hatten wir im Oktober noch wenig Kontakt. Wir waren eine kleine Gruppe aus dem Werkzeugbau der Elgawa. Es gab bei uns auch einen IM der Stasi. Er hatte aber scheinbar kein Interesse daran, uns zu verraten. Wäre der Oktober 89 anders verlaufen und wir wären aufgeflogen, hätten sie uns in ein Internierungslager gebracht. Den IM hätten sie nach Militärrecht sofort verurteilt.

Aktiv wurde ich im NEUEN FORUM erst im November bei der großen Versammlung im Capitol. Die Reden von Birgit Franke und Dietrich Kelterer waren die einzigen, die mich berührten,sowohl politisch als auch sachlich-inhaltlich. Bei den anderen Reden hatte ich eher das  Gefühl, durch unsere Arbeit in der Initiative schon ein bisschen weiter zu sein. Kelterers Themen gingen in Richtung Denkmalschutz, Kultur und dessen, was gerade in unseren Köpfen passierte. Ich sprach Kelterer an und er sagte: „Komm halt! Die Devise im NEUEN FORUM ist nicht, dass du dich hinstellst und fragst, was du machen könntest, sondern dass du es einfach tust.“

Die Arbeitsgruppe Kultur traf sich danach zum ersten Mal im Jugendklub in der Kemmler-Schule. Mit dabei waren Dietrich, Peter Awtukowitsch, Adelheid Liebetrau, Olaf vom Malzhaus, Uwe Schmidtke und Torsten Zuschke. Alle sagten: „Eigentlich habe ich keine Zeit,aberich würde schon ein wenig mitmachen“. Kelterer nahm die Kulturgruppe dann mehr oder weniger in die Hand und sorgte dafür, dass etwas Angefangenes auch zu einem Ergebnis geführt wurde. Er sagte: „Liegen-lassen ist nicht.“

Auf diese Weise gelang es uns zum Beispiel, einen Vertrag zwischen der Stadtverwaltung Plauen und dem Malzhaus-Verein auf die Beine zu stellen oder mit einer Ausstellung auf die vom Verfall bedrohte, historische Bausubstanz Plauens hinzuweisen. Zu DDR-Zeiten gab es sogar Pläne, die Altbauten der Innenstadt ratzekahl abzureißen. Die Hinterlassenschaften des Regimes waren teilweise so frustrierend, dass man sich zwingen musste, weiter zu machen.
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1990 wurde ich in den ersten Stadtrat nach der Wende gewählt. Ich selbst erhielt nicht so viele Stimmen. Ich rutschte mit den Stimmen Dr. Frank Grünerts in das damals noch als Stadtverordnetenversammlung bezeichnete Gremium. Mir lag mein Beruf als Werkzeugmacher wirklich am Herzen. Ich wollte bei der Nominierungsveranstaltung im Tivoli mit meinem Namen nur die Liste vervollständigen. Dann kam die Wahl, und plötzlich hieß es: „Du bist drin.“

Es war eine riesige Herausforderung. Ich hatte nichts, was mich auf die Arbeit im Stadtrat vorbereitet hätte, außer ein paar Zeitschriften vom Städte- und Gemeindetag. Als Neuling war es mir auch unmöglich, vor jeder Sitzung zehn Zentimeter Papier inhaltlich zu durchdringen. Nur langsam ist mir klarer geworden, was wir hier taten. Trotzdem bin ich verbal immer ein bisschen ein Prolet geblieben, der auf ein Ergebnis scharf war. Ich hielt mich politisch für einen konservativen Grünen, der versuchte, als ganzheitlich denkender Mensch zu handeln.

Als sich die Grünen und das NEUE FORUM schließlich vereinigten, habe ich dies nicht mitgetragen. Parteien liegen mir einfach nicht, Bürgerbewegungen schon. Den Schlusspunkt hinter meine Arbeit als Stadtrat setzte ich bei einer für uns als ehemalige DDR-Bürger sehr schwer verständlichen Thematik: der Privatisierung der Wohngebäude. Jeder wollte nur wissen, wie es mit der eigenen Wohnung weiterginge. Ich sagte am Ende: „Dafür braucht ihr mich nicht.“ Hinzu kam die Geburt meines Sohnes und die Möglichkeit, einen festen Arbeitsvertrag zu bekommen. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf, bin heute noch immer im Rathaus beschäftigt und mache neben vielem anderen Wahlen und Statistik.

Zurückblickend war das entscheidende Ereignis für mich nicht der Beitritt der DDR zur BRD im März 1990. Wir hatten ihn zu diesem Zeitpunkt innerlich schon vollzogen. Der eigentliche Einschnitt war für mich die Grenzöffnung im November 1989.  Aus Sicht der Staatsfunktionäre war es ein genialer Schachzug, das Ventil – wie bei einem Schnellkochtopf, in dem sich ein großer Druck aufgebaut hatte – zu öffnen. Der politische Druck der Masse war schlagartig weg. Die Interessenlage hatte sich verschoben.

Ich warf 1990 meine Prinzipien, die ich zu DDR-Zeiten pflegte, über Bord: Ich wollte nie in einem Büro arbeiten, nie ein Auto fahren, nie Politik machen. Nach der Wende landete ich im Rathaus als ABM-Koordinator. Dann wurde ich für das NEUE FORUM als Stadtrat gewählt. Das erste Auto kam schneller, als ich jemals gedacht hatte. Das einzige Prinzip, das ich mir wieder zueigen machte, war, der Politik fern zu bleiben. Ich denke, Leute die in die Politik gehen und dort Karriere machen, haben einen Charakterzug, den ich an mir vermisse. Parteipolitik zu machen, ist nicht mein Ding.

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