Mir liegt die Bürgerbewegung am Herzen ...

Mir liegt die Bürgerbewegung am Herzen ...

 

Jürgen Winkler, geboren 1944 in Plauen, verheiratet, Kinder, Veredelungs-Textilingenieur und VEB-Direktor, schließlich Geschäftsführer. 1989 stieß er zum NEUEN FORUM...

 

Das Porträt schrieb der Journalist Pit Fiedler auf der Grundlage von Oral-History Interviews.

Das komplette Porträt ist in dem Buch „Bürgermut macht Politik. 1989/90 – Neues Forum Plauen. Bürgerforum Cheb“ (Eckhard Bodner Verlag) nachzulesen.

 

Seit kurzem bin ich Rentner. Vorher war ich als Geschäftsführer, Designer und Mädchen für alles in einer kleinen Spitzen- und Stickereifirma tätig. Ich betreute Kunden aus dem In- und Ausland und fuhr auf Messen, um unsere Produkte zu verkaufen. Zurzeit bin ich nur noch drei Tage in der Woche geschäftlich aktiv. Ich setze u.a. alte Kollektionen auf die neuen, digitalen Stickmaschinen um. Ansonsten versuche ich, meiner Familie dienlich zu sein.

Ich bin ein unpolitischer Mensch. Mit diesen ganzen Parteien bin ich nicht sehr umgänglich. Mir liegt nach wie vor die Bürgerbewegung am Herzen. Nicht nur wegen der Wende, sondern auch weil ich die Parteien noch immer für zu verkrustet halte, als dass sie wirklich etwas entscheidend voranbringen könnten.

Seit meiner Geburt am 12. Januar 1944 lebte ich fast ständig in Plauen. Man konnte ja zu DDR-Zeiten nur wenig ins Ausland reisen. Mein Vater war Fabrikant und hatte mit keiner Partei etwas zu tun. Die Fabrik baute er nach dem Krieg wieder in Plauen auf. Die Leute standen nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft vor der Türe und sagten:„Wir brauchen Arbeit.“. Viele andere Firmenbesitzer aus Plauen gingen nach Hof, in die amerikanische Zone. Meine Mutter war Hausfrau und hat uns zwei Söhne so recht und schlecht erzogen. Mein Bruder rückte noch vor dem Mauerbau in den Westen ab und lebte seitdem dort. Wir waren evangelisch. Das war zu DDR-Zeiten manchmal nicht ganz einfach. Man ließ uns schließlich in Ruhe und stellte auch keine dummen Fragen mehr, zum Beispiel, ob man in irgendeine Partei eintreten wollte.

Ich besuchte die Grundschule und die Mittelschule. An der Oberschule ließ man mich, trotz guter bis sehr guter Noten, nicht zu, weil mein Vater Fabrikant war. Da ich aber unbedingt Abitur machen wollte, um Chemiker oder Apotheker zu werden, holte ich das Abitur in der Volkshochschule nach. Das ging damals. Nebenbei machte ich eine Lehre als Textilveredler. Weil ich zum Hochschulstudium aus den vorgenannten Gründen ebenfalls nicht zugelassen wurde, ging ich an die Textilfachschule in Reichenbach und schloss dort meinen Veredelungs-Textilingenieur mit Erfolg ab. Die Lehrer rieten mir, weiter zu studieren und mich nochmals an der TU in Dresden zu bewerben. Ich bestand die Prüfung und studierte Chemie. Bevor ich jedoch meine Diplomarbeit über Textilveredelung abschließen konnte, verstarb mein Vater und ich musste den Betrieb sofort übernehmen. Andernfalls wären wir enteignet worden. 

Mein Vater hatte die Mutter immer quasi an die Hand genommen. Sie konnte nicht einmal einen Scheck unterschreiben. So kam es dazu, dass ich zwar als Chemiker, aber ohne Diplomarbeit als Komplementär in den elterlichen Betrieb eingestiegen bin. Er war    inzwischen halbstaatlich geworden. 1972 wurde ich enteignet, blieb aber trotzdem quasi VEB-Direktor.
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Zum NEUEN FORUM kam ich kurz nach der ersten Demonstration am 7. Oktober. Über die Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhr ich, dass ein NEUES FORUM gegründet werden sollte. Ich besuchte Steffen Kollwitz zu Hause und sagte einfach so: „Ich will mitmachen.“ Und das ging eben auch. Niemand fragte: „Wo kommt der Mann her? Ist der Mann von der Staatssicherheit?“ Das war überhaupt kein Thema. In den ersten Tagen gingen viele Leute zu Privatwohnungen, die nur vom Hörensagen bekannt waren. Wildfremde Leute klingelten an meiner Wohnungstür und fragten: „Wie ist es? Was macht ihr?“
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Die Leute um Steffen Kollwitz hatten Vertrauen zu mir, und so dauerte es nicht lange, bis ich zusammen mit Herrn Grünert die Arbeitsgruppe Wirtschaft und Politik im NEUEN FORUM leitete. Grünert und ich waren eigentlich immer zusammen aktiv. Das Hauptanliegen unserer Arbeitsgruppe war, in den Großbetrieben dafür zu werben, dass Betriebsräte gebildet und Überlegungen angestellt würden, auf welche Weise man von einer Planwirtschaft in die freie Wirtschaft käme. Zu dieser Zeit wurde noch immer alles spontan entschieden. Es gab nur ganz wenige Konzepte, und das ist auch einer der Gründe, warum das NEUE FORUM an diesen vielen auseinander strebenden Meinungen zerbrochen ist.

Eines Tages wurde ich mittags um 12 Uhr – ebenso wie Herr Grünert angerufen, um die Gabelsberger Straße, sprich: die Stasi-Zentrale in Plauen, von den Waffen zu befreien, die noch dort lagerten. Der Chef der Stasi und einige Leute beluden die Autos mit der Munition, den leichten MGs und den Kalaschnikows. Papiere und ähnliche Dinge fanden wir nicht mehr vor. Alles war weg. Man wusste nur nicht, wo man mit den Waffen hin sollte. Sie wurden von Herrn Grünert und mir als Vertreter des NEUEN FORUMs unter Aufsicht eines Mannes vom Gericht der Polizei übergeben. Meine Frau hatte bei solchen Aktionen immer ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, und auch ich selbst hatte Angst, ob die Entwaffnung gut ausgehen würde.
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Der Bruchpunkt in der Entwicklung des NEUEN FORUMs war für mich der Fall der Mauer. Ich war im Rahmen der eingeschränkten Reisefreiheit gerade an diesem Tag zu einem Verwandtenbesuch in Freiburg im Breisgau und erlebte die Ereignisse am Fernsehen mit. Ich war völlig perplex. Die Öffnung der Grenzen verdonnerte das NEUE FORUM eigentlich schon zum Untergang. Denn viele von uns vertraten doch die Auffassung, dass die DDR vorerst eigenständig bleiben solle. Die Bevölkerung zeigte, dass sie anderer Meinung war, und dem konnten wir uns nicht widersetzen. Trotzdem bemühten wir uns in Plauen weiterhin um die Verbesserung der kommunalen Angelegenheiten.

Da ich auch für die Koordination mit den NEUEN FOREN in Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Dresden zuständig war, fuhr ich einmal im Monat zum Sprecherratstreffen nach Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Ich nahm immer Martin Böttger aus Reinsdorf mit. Natürlich merkten wir auch dort, wie weit sich das NEUE FORUM landesweit schon auseinander dividiert hatte. Die vielen Meinungen konnten nicht mehr unter einen Hut gebracht werden. Es war ganz schlimm. Das einzige, was uns noch gelungen ist, war, Gauck zur Wahl in die Volkskammer zu verhelfen.

Das NEUE FORUM war in der Wendezeit gut, um die verschiedenen Oppositionellen zu sammeln und die Demonstrationen friedlich über die Bühne zu bringen. Es war der Verdienst des NEUEN FORUMs, mit einem Major der Armee, MfS-Leuten und dem Oberbürgermeister der Stadt eine „Sicherheitspartnerschaft“ auszuhandeln. Wir, das heißt Dr. Grünert, Herr Zahn und ich meldeten uns bei den Herren vor der zweiten Demonstration einfach an und konnten mit ihnen eine mündliche Abmachung treffen. Es schien uns damals einfach zu gefährlich, wenn da 10.000 Leute ohne jede Absprache am MfS-Gebäude oder an der SED-Kreisleitung vorbeimarschierten und sich die Leute drinnen verschanzten. Thomas Küttler versuchte, die Stimmung von Seiten der Kirche zu beruhigen. Es war ein Wunder, dass bei den Demonstrationen kein einziger Schuss fiel. Die Stasi und die Armee waren ja immer da, verhielten sich aber, abgesehen von der ersten Demonstration am 7. Oktober, immer ruhig.

In der Parteienlandschaft spielte das NEUE FORUM spätestens nach der Kommunalwahl im Mai 1990  keine große Rolle mehr. Wir befanden uns unter dem CDU-Bürgermeister in Plauen auf dem absteigenden Ast. Viele Dinge wurden uns vom Westen her wie eine Glocke übergestülpt. Mir wäre eine etwas langsamere Gangart bei der Entwicklung wichtiger gewesen als nur schnell zu Westgeld zu kommen.
 
Die Annäherung an die Grünen war für mich der größte Fehler, den das NEUE FORUM machen konnte. Es verlor Mitglieder, und auch ich war soweit, keine politischen Aufgaben mehr übernehmen zu wollen. Ich war immer dafür, dass wir eine Bürgerbewegung bleiben sollten.

Die Verabschiedung des NEUEN FORUMs verlief still und leise. Kein Mensch hat etwas gesagt.

Mich nahm die Reprivatisierung unserer Betriebe voll in Anspruch. Die kleinen Betriebe waren an einen Großbetrieb gekoppelt, an ein Kombinat. Sie hatten keine Verkaufsabteilungen. Alles wurde verteilt und in der DDR vorbilanziert. Jetzt mussten wir auf einmal Kunden suchen. Wir hatten zwar ein Devisen bringendes Produkt, die Plauener Spitzendecke, aber die Großhändler aus der Bundesrepublik hatten sich nach der Wende zurückgezogen und der Absatz war völlig eingebrochen. Wir mussten sehen, wie man weiterkommt. Die Stickereiindustrie in Plauen schrumpfte wie die gesamte Textilindustrie in Sachsen auf ein Zehntel. Die Lage war schwierig, und die Betriebe sind auch heute noch nicht aus dem Schneider.
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Der eigentliche Gewinner der Wende ist die Jugend. Sie sollte jedoch durchaus den Mut zur Erneuerung der demokratischen Verhältnisse finden. Ob das über die Kirche, über die Politik oder über weitere Initiativen gehen wird, muss ich ihr schon selbst überlassen. Wir haben zum Beispiel bis heute ein Grundgesetz und  noch immer keine Verfassung. Dieses Projekt blieb damals stecken. Die Verlierer der Friedlichen Revolution sind die Menschen aus meiner Generation, die zu DDR-Zeiten wenig verdienten und heute sehen müssen, wie sie hier zurechtkommen, also die 1940er Jahrgänge.

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