Hermann Voss - Ein Kunsthistoriker und Museumsmann im Kontext des nationalsozialistischen Kunstraubs

Hermann Voss - Ein Kunsthistoriker und Museumsmann im Kontext des nationalsozialistischen Kunstraubs

 

Als Hermann Voss (geb. 30.07.1884 in Lüneburg; gest. 28.04.1969 in München) im Frühjahr 1943 von Adolf Hitler zum Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie Dresden ernannt und gleichzeitig mit der Führung des „Sonderauftrags für Linz“ beauftragt wurde, war dies für den fast 60jährigen Kunsthistoriker ein beruflicher Aufstieg ohnegleichen. Die Leitung der weltberühmten Dresdner Galerie zu übernehmen, dürfte für jeden Museumsmann eine verlockende Herausforderung gewesen sein. Als „Sonderbeauftragter des Führers“ agierte Voss ab 1943 als wichtigster Kunstbeschaffer Hitlers, der im österreichischen Linz an der Donau ein öffentliches Kunstmuseum von europäischem Rang zu errichten plante. Ein nicht unwesentlicher Teil der vom „Sonderauftrag Linz“ beschafften Kunstwerke stammte aus jüdischen Sammlungen; sie wurden ihren Eigentümern geraubt oder abgepresst. Von diesem Kunstraub profitierten nicht nur nationalsozialistische Institutionen, Kunsthändler und Auktionshäuser, sondern auch einige Museen.

Doch machte sich Voss die nationalsozialistischen Machtinstrumentarien schon lange vor seiner Ernennung zum „Sonderbeauftragten für Linz“ zunutze. Im großen Stil tauschte er als Direktor der Städtischen Gemäldegalerie Wiesbaden, deren Leitung er 1935 übernommen hatte, die 1933 vom Reichsministerium für bildende Kunst sichergestellte und vorerst in die Galeriedepots eingelagerte „entartete Kunst“ gegen „ausstellungsfähige“ Kunst. Voss hatte beste Kontakte zum deutschen Kunsthandel, der sich das florierende Geschäft mit der „entarteten Kunst“, die dankbare Abnehmer im Ausland fand, freilich nicht entgehen ließ.

Waren diese Tauschaktionen noch hauptsächlich von einem – nur schwer erträglichen –  Zweckopportunismus Voss’ gekennzeichnet, der auf diese Weise den durch die Entfernung der „entarteten Kunst“ arg geschröpften Wiesbadener Galeriebestand zu mehren suchte, sollte er alsbald weitaus aktiver mit den nationalsozialistischen Machthabern zusammenarbeiten.

Als Kunstsachverständiger des Wiesbadener Polizeipräsidenten begutachtete und taxierte Voss beschlagnahmte, jüdische Kunstsammlungen. Durch seine hervorragenden Kontakte zu den einschlägigen NS-Institutionen konnte er sich in vielen Fällen das „Vorkaufsrecht“ sichern und zu „guten Konditionen“ den Bestand der Wiesbadener Galerie aufstocken.

Auf einer weiteraus höheren Ebene sollte Voss dann ab Frühjahr 1943 agieren, als er als „Sonderbeauftragter des Führers“ hunderte Kunstwerke zusammentrug. Entgegen seinen Beteuerungen nach 1945 erwarb Voss während des „Dritten Reiches“ wissentlich beschlagnahmten und zwangsverkauften Kunstbesitz. Nachweisen konnten die Offiziere der „Art Looting Investigation Unit“ (ALIU), einer Untersuchungseinheit für Kunstraub des amerikanischen Nachrichtendienstes „Office of Strategic Services“ (OSS), dies Hermann Voss nach Kriegsende allerdings nicht. Der Versuch der Kunstschutzoffiziere, den „Sonderauftrag Linz“ aufgrund seiner Verstrickung in den nationalsozialistischen Kunstraub als verbrecherische Organisation einstufen zu lassen, um damit die Grundlage für eine Anklageerhebung gegen den assoziierten Personenkreis vor dem Nürnberger Tribunal zu schaffen, sollte mangels Beweisen scheitern – die entscheidenden Dokumente lagen nicht vor bzw. waren noch nicht bekannt. Hermann Voss wurde wegen seiner Tätigkeit während des „Dritten Reiches“ nicht belangt – er verstarb als geachteter Kunsthistoriker und Gemäldeexperte 1969 in München.

Die moralische Verpflichtung, die Sammlungsbestände auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke hin zu überprüfen, besteht heute für alle öffentliche Museen. Für jene Sammlungen aber, deren Direktoren derart zentrale Positionen im NS-Kunstraubsystem innehatten wie Hermann Voss, ist die Erforschung der Provenienzen aller ab 1933 in die Sammlung gelangten Stücke zwingend. Grundlage für eine erfolgreiche Provenienzforschung ist es, sich über die Akteure des nationalsozialistischen Kunstraubs und über deren Erwerbungsmethoden im Klaren zu sein. Hermann Voss war ein solcher Akteur – im großen Sinne.

Kathrin Iselt

 

Dr. Kathrin Iselt studierte Kunstgeschichte und Mittelalterlichen Geschichte an der TU Dresden. Von Januar 2006 bis Juni 2008 war sie Promotionsstipendiatin der Heinrich Böll Stiftung. Ihre Promotion über Hermann Voss hat sie inzwischen abgeschlossen, verteidigt und publiziert.

Von 2008 bis 2013 war Kathrin Iselt Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Provenienzforschungsprojekt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Kathrin Iselt
»Sonderbeauftragter des Führers«
Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884–1969)
Böhlau, 2010, 978-3-412-20572-0

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